Kapitel 7

Ausgewickelt

Die Freude der Koblewskis an der Kontra–Bande war eher gebremst!

Ständig waren andere Kinder im Haus, die alle mit diesen komischen grünen Schals herumrannten und zwar nicht unfreundlich waren aber doch sehr wortkarg, es war fast als unterdrückten sie aufgrund einer geheimen Anordnung ihre frühere Unbekümmertheit und Lustigkeit.

Auch Kiki schien verändert, sie kam oft gar nicht an sie ran, aber was sollte sie machen, Kiki war in dieser Hinsicht feinfühlig, wie eine Straßenwalze, ein Wort und sie stellte auf Durchzug, und soo schlimm fand Susanne dann letztlich diese Kontra–Bande auch wieder nicht, da gab es härtere Schicksalsschläge! Wichtig war doch, dass nichts mit Drogen lief und Kiki in der Schule ihren Kram machte! Und das war so, da konnte sie sich auf ihre Tochter absolut verlassen!

Karl Koblewski hatte schon mehr unter dieser Kontra–Bande zu leiden: nach wochenlanger Gehirnwäsche durch Kiki und die anderen Bandenmitglieder gab er seinen Widerstand endlich auf und opferte, oder sollte man sagen „spendete“ er, seine Garage der Kontra–Bande als Hauptquartier!

Den Ausschlag gab Susanne, sie schwenkte nach anfänglichem Zögern zuletzt auch auf die Linie der Kontras ein.

„Es ist doch gut“, sagte sie „wenn Kiki dadurch mehr daheim ist und so vielleicht das ganze Kontra–Getue überschaubar bleibt! Wer weiß wo die sich sonst herumtreiben?“

Das sah Karl Koblewski schließlich, wenn auch etwas verkniffen ein und stellte schweren Herzens, ab sofort halt sein Auto auf die Straße und kratzte in der Früh erst einmal eine Viertelstunde an den Scheiben herum bevor er losfuhr…

Für die Kontra–Bande war die Garage natürlich ideal! Da gab es Licht, Wasser und geheizt war sie auch. Außerdem bekam jedes B – Mitglied einen eigenen Schlüssel. Und das Tollste war, dass man rein und rausgehen konnte ohne von irgendeinem Erwachsenen blöd angequatscht zu werden! Super!

Da machte auch das Einrichten Spaß, jeder schleppte daher, was ihm wichtig schien und es wurde gewerkt, gepinselt, gesprüht und geklebt! Nach zwei Wochen war alles fertig!

Karl Koblewski traf fast der Schlag, als er das Quartier der „Kontra–Bande besichtigen durfte: aus seiner schönen Garage, war eine Mischung aus Mülleimer und Papageienkäfig geworden. Die orangefarbenen Wände, die grellrote Decke und etliche zusätzliche Leuchten, sorgten für ein seltsam flirrendes Licht, in dem die bunt bemalten Kartons, farbigen Polster und Decken und grün gestrichenen Schränke, wie bizarre Formen des Dschungels wirkten…

Eigentlich vermutete man in diesem farbigen Chaos gar keine menschlichen Wesen.  Aber sie krabbelten dazwischen herum und die Kontras behaupteten sogar, dass sie ihr neues Quartier unheimlich kuschelig fänden; allen voran Kiki! Aber für sie bedeutete diese gelungene Raumausstattung wahrscheinlich die geringste Umstellung, ihr war es gelungen die Garage in ein ähnliches Farbenchaos zu verwandeln, wie ihr eigenes Zimmer! Die Handschrift der Chefin war unverkennbar!

Für den Udo Seidler konnte die Kontra–Band leider so gut wie gar nichts tun. Wie sollte man auch jemand helfen, der unsichtbar war? Aber, ob der Udo Seidler die beiden Einbrüche begangen und den Mann von der Wachmannschaft niedergeschlagen hatte, wurde nach wie vor bei den verschiedenen Bandentreffs heftig diskutiert. Und eines war klar, wenn er’s wirklich getan haben sollte, dann musste er in eine Anstalt, aber ob er’s war, das musste erst durch ein Gericht festgestellt werden, sagte Kiki, die Chefin! Das hätten ihre Eltern nämlich auch gesagt!

Und ungerecht und blöd war auf jeden Fall die Hetze gegen die alten Seidlers, noch dazu, wo letztlich gar nicht bewiesen war, dass der Udo wirklich schuldig war!

Das einzige was die Kontras in der Sache Udo tun konnten, war Augen und Ohren offenhalten und die Lage beobachten!

Und genau das war auch die Parole, die Kiki an die Bande ausgegeben hatte. Jede Kleinigkeit um Udo und die Seidlers musste sofort gemeldet werden, auf die Kleinigkeiten kam es nämlich an, das war damals bei dem ´grauen Mann´ auch so gewesen….

Aber was nützte alle Aufmerksamkeit, wenn es einfach nichts zu beobachten gab! Und das nun schon seit mehreren Wochen, ja es gab nicht einmal mehr das Gerede über den Udo; es schien fast als sei die Sache Udo Seidler vergessen worden!

Kein Hahn krähte plötzlich mehr nach Udo und den Seidlers…

Noch dazu wo der Manfred Seidler gerade wieder ein Sandbahnrennen in Rodenbach gewonnen hatte! Das war’s doch! Und das war super, wer scherte sich da noch um Udo, den Trottel! Es war doch echt ein Glück, dass dieser Depp nicht mehr in Rodenbach herumstand und den Ort blamierte, oder?

Da einige B–Mitglieder schon ungeduldig wurden und das Aktionsziel absetzen wollten, suchte Kiki, die das auf keinen Fall wollte, nach Ablenkung und da kam ihr die Suffsusl mit ihren Katzen wie so oft in den letzten Monaten gerade recht! Und ein bisschen gefährlich waren diese kleinen Zwischenaktionen auch immer, denn die Suffsusl hasste Kinder wie die Pest. Für sie waren Kinder nutzlose Bälger, die man am besten erst einmal übers Knie legte, bevor man ein Wort mit ihnen sprach!

Und sie wusste auch warum sie das sagte, denn sie hatte genug unter den Bälgern gelitten, als sie noch tagsüber öfter in Rodenbach unterwegs war. Schlimm genug, dass manche Eltern diese bösen Hänseleien sogar zuließen, es war ja nur die Suffsusl und die mochte eh niemand!

Aber das Ärgste hatte die Kontra – Bande bei der Suffsusl vielleicht schon hinter sich. Über die Katzen hatte man stillschweigend einen Weg der Verständigung gefunden. Seit über einem Jahr hatten es sich die Kontras zur Übung gemacht, ausgehungerte, herumstreunende Katzen bei der Suffsusl abzugeben; jedenfalls so etwas Ähnliches wie abgeben! Denn so ein gewöhnliches Hingehen und Abgeben war das natürlich nicht, sondern man musste dazu erst vom Nachbarhof auf das Schuppendach klettern und von da die Katzen in der Suffsusl ihren Hof hinunterlassen. Und komischerweise sagte die Suffsusl dazu nichts. Dabei hatte sie Kiki und auch Lutz und Benedikt schon ein paar Mal auf ihrem Schuppendach gesehen und kaum gekeppelt! Als Gegenleistung warf ihr die Kontra– Bande fast jeden zweiten Tag Katzenfutter über die Hofmauer: Fleisch -abfälle die die B–Mitglieder bei den beiden Metzgern im Ort abholten und sammelten. Für die Suffsusl war das natürlich eine große Hilfe, ihr hätte kein Metzger im Ort etwas gegeben, aber bei den Kindern fragte niemand so genau, da tat man das gerne. Und außerdem hatte Kiki einmal etwas von ihren Tieren gemurmelt, die sie füttern müsste.

Wie immer die ´Suffsusl´ zu ihren Mitmenschen auch sein mochte, zu ihren Katzen war sie jedenfalls gut! Andernfalls wären die nicht ständig miauend um sie herumgeschlichen; sie waren wie ihr Schatten, wo immer sie sich im Hof oder in ihrem Haus bewegte, waren die Katzen bei ihr und ihre Lieblinge durften sogar auf ihren Schultern hocken bleiben, wenn sie herum werkelte oder einfach nur ein paar Schritte im Hof auf und ab ging…

Sehr zum Leidwesen ihrer beiden Hunde, einem alten Fox und einem hässlichen ewig triefenden Boxer, die zu diesen bevorzugten „Schulterkatzen“ immer wieder ärgerlich hoch knurrten, während sie die übrigen Katzen gar nicht zur Kenntnis nahmen.

Solche Dinge konnte man nur vom Schuppendach aus beobachten, denn die Hofmauer war zur Kirchstraße hin viel zu hoch, da konnte nicht einmal ein Erwachsener darüber sehen. Die beiden Nachbarn der Suffsusl, die alten Wagners und die Familie Schimmele waren schon seit Jahrzehnten mit ihr zerstritten und hatten seither nie mehr ein Wort mit ihr gesprochen, oder einen Gruß getauscht. Aber bei den alten Wagners stand immer das Hoftor offen. Da sie beide kaum noch gehen konnten waren sie froh, wenn Besucher gleich ins Haus kamen. Und sie hatten auch nichts dagegen, wenn Kinder in den Hof kamen und spielten. Zur ´Suffsusl´ hin war auch ihr Hof durch eine hohe Mauer getrennt. In der hinteren Hof Ecke konnte man aber auf das aufgeschichtete Brennholz klettern und von da auf das Dach eines alten windschiefen Schuppens in Suffsusls Hof. Manchmal lag Benedikt, Kiki und Lutz fast eine Stunde und länger auf diesem Dach und beobachteten, wie sie ihre Raubtiere fütterte und die Hunde mit den Katzen stritten und auch spielten. Gelegentlich bellten die Hunde auch zu den Kindern hoch, gaben das aber nach einiger Zeit meist auf. Und die Suffsusl reagierte überhaupt nicht, sie tat als sähe sie niemand; nur manchmal krächzte sie etwas von neugierigen Bälgern, denen man den Hals umdrehen sollte! Aber die Kontras nahmen das nicht ernst. Und wahrscheinlich meinte sie das auch gar nicht so.

Als Lutz Ende Januar mit einer riesigen roten Katze daherkam, war natürlich wieder eine Aktion fällig. Das arme Katzentier war in einem jämmerlichen Zustand. Die Knochen wurden wirklich nur mehr durch das Fell zusammengehalten und das recht hintere Bein schien auch irgend -etwas abbekommen zu haben, da sie es gar so nachzog.

Kiki saß gerade daheim bei den Rechenaufgaben, als der Lutz mit der armen Katze daherkam. Von den zehn Schlussrechnungen hatte sie ohnehin schon sechs gemacht und ein bisschen Abwechslung und Bewegung tat ihr auch gut, der Tag war bisher eh so ätzend gewesen Und so wie die arme Katze ausschaute, brauchte sie schnellstens einen Unterschlupf und Pflege!

Kiki ließ alles liegen und stehen und kam wie üblich sofort aus den Startlöchern! Sie rollte sich in ihren grünen Schal und machte sich zur großen Freude ihrer Mutter mit Lutz und der Katze auf den Weg zur Suffsusl, was aber Susanne Koblewski natürlich nicht wusste!

Lutz hatte der Katze in einem alten Korb ein warmes Nest gemacht. Zu zweit konnte man den Korb auch leicht bis zur Kirchstraße hochtragen.

Da bei Wagners wie immer das Hoftor offenstand, war es auch leicht über den Holzstoß auf das Schuppendach zu klettern. Zum Glück war auch der letzte Schnee vor ein paar Tagen vom Föhn weggeleckt worden, sonst wäre die Aktion etwas rutschig geworden! Auf allen Vieren krochen Kiki und Lutz mit dem Korb an den Rand des Daches, banden den Korb an ihre Schals und ließen ihn nach unten. Da die Katze nicht aus ihrem warmen Nest wollte, mussten sie so lange an dem Korb herumziehen, bis sie heraus kullerte. Zitternd stand sie da, schaute verschreckt um sich und bog ihren Rücken zu einem mächtigen Buckel durch. Irgendwie musste sie dann einen Geruch aufgenommen haben, denn sie rannte plötzlich zielstrebig zur Haustür und setzte sich laut miauend auf den schäbigen Fußabstreifer.

Kiki und Lutz zogen den Korb rasch wieder hoch und warteten eine Weile, ob die Suffsusl sich rührte. Aber es tat sich nichts! Auch die Hunde meldeten sich nicht! Möglicherweise war die Suffsusl gar nicht daheim?  Aber weit konnte sie nicht sein. Hoffentlich hielt die arme rote Katze so lange da unten am Fußabstreifer durch.

Im Hof der Suffsusl schaute es aus wie bei einem Altwarenhändler. Es gab fast kein Fleckchen, wo nicht irgendetwas Zerfallenes oder Verrostetes herumlag: dort ein Schubkarren ohne Rad, da eine verrottete Hobelbank, dazwischen zwei verrostete Fahrradrahmen, da hinten ein halb verfaulter Handwagen, daneben zwei Federkerne von Betten, vermoderte Matratzen, mehrere Autoreifen, Berge von Holzresten, die sie bei ihren nächtlichen Streifzügen vielleicht gesammelt hatte, Ziegelsteine, eine alte Waschmaschine, alte Stühle mit drei oder zwei Beinen und vieles mehr.

An den Hauswänden war kaum noch Verputz, so wie er herunterfiel, blieb er im Hof liegen. Teilweise bröckelten auch schon die Ziegel aus der Mauer, die zum Hof hinzeigte. Die vier verrosteten Kellerfenster wirkten wie große Mauslöcher, da sie genau auf der Höhe des Bodens angesetzt waren. Bei einem starken Regen, lief da bestimmt das Wasser hinein.

Kiki kniff plötzlich ihre Augen zusammen! Das tat sie immer, wenn sie besser sehen wollte. Da sie außerdem noch die Nase hochzog und den Mund etwas öffnete, schaute sie dabei nicht gerade wie ein Intelligenzbolzen aus. Sie schubste Lutz an und flüsterte, „kannst du auch das sehen, was ich sehe und was dort bei dem Kellerfenster gleich neben dem Haustor liegt?“

Lutz verwundert, „hei da liegt doch nichts, außer herab gefallenem Verputz und ein paar Papierschnipsel, oder?“

Aber gerade diese blauen Papierschnipsel machten Kiki nervös!

„Warum meinst du, liegen die ausgerechnet vor diesem Fenster?“

„Keine Ahnung!“

„Hat die der Wind hingeblasen, oder wie kommen die da hin?“

„Du fragst, vielleicht Zeug, Miss Marple“! grinste Lutz ratlos.

„Und was sind denn das nun wirklich für Papierteile?“

„Ist doch egal! Wahrscheinlich irgendwelche Einwickelpapiere, die halt jemand hingeschmissen hat. Aber schau lieber die arme Katze an, wie die noch immer miaut“, sagte Lutz und machte ein besorgtes Gesicht.

Aber Kiki schien die Katze gar nicht mehr zu interessieren, sie murmelte komisches Zeug vor sich hin und drückte geistesabwesend Lutz das eine Ende ihres Schals in die Hand. Ehe er noch wusste wie ihm geschah, war Kiki schon unten im Hof, lief zwischen all dem herumliegenden Gerümpel

zum Kellerfenster, sammelte dort die blauen Papierteile ein, streichelte zweimal der roten Katze über das Fell und kletterte behänd wie ein Affe an dem immer noch herunterhängenden Schal hoch.

Wieder auf dem Dach keuchte sie, „komm wir hauen ab!“

Wie Katzen krochen sie nach hinten an den Rand des Daches, sprangen von da auf den unteren Holzstoß und rannten durch den Hof auf die Straße.

Als sie wieder auf der Straße waren, gab Kiki Lutz den Korb, wickelte sich in ihren Schal und zeigte ihm dann mit bedeutungsvoller Miene, was sie eingesammelt hatte: fünf blaue Einwickelpapiere von Hustenbonbons, sonst nicht!

Lutz starrte Kiki mit offenem Mund verständnislos an und nickte; schließlich war sie die Bandenchefin auch wenn sie manchmal oben nicht alle beisammenhatte, wie es im Moment schien!

Kiki steckte die Dinger weg und meinte, „mach’ doch den Mund zu, sieht besser aus Blödi!“

Lachend lief sie davon.

Lutz hätte auch gerne gelacht, aber er wusste nicht worüber, denn wenn er an die arme Katze dachte, war ihm eher zum Heulen.

KH

 

 

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