Herr Gerlinde & Frau Carl – oder die Kultur bedingte Geschlechteridentität

Carl und Gerlinde (73)

Das war überraschend: Gerlinde griff nämlich nicht zur Samstag FAZ nach ihrem Kefirdrink und der ersten Tasse Kaffee, sondern sagte, „Carl, wusstest du eigentlich, dass die Menschheit sich –  nach derzeitigem Kenntnisstand –  mit 72 Geschlechtern identifiziert?“

„Nee“, sagte Carl und schlürfte auch an dem von Gerlinde zubereiteten morgendlichen Kefirtrunk – dieses Mal mit Erdbeeren. Als er das dickwandige Glas absetzte fügte er noch hinzu, „sag, sind das nicht ein bisschen viel verschiedene Geschlechterarten mit denen wir uns da identifizieren?“

„Natürlich, ich war auch total perplex als ich das vorgestern in der FAZ las!“

„Und wer behauptet so einen Schmarren?“ fragte Carl leicht gereizt, während er nach dem Kefir, in ersten kleinen Schlückchen seinen sehr heißen Tee an diesem späten Morgen schlürfte.

„Weiß ich nicht mehr“, meinte Gerlinde. Aber sie hätte danach im Internet einen Artikel über Nichtbinäre Geschlechteridentität gefunden, in dem auch diese Zahl 72 genannt wurde.

„Hm“, brummte Carl und versuchte sich nun an einer Scheibe Roggenbrot mit einer fingerdicken Kochkäse Auflage, die allerdings fast zur Hälfte wieder auf seinem Teller landete, als er das Brot um eine Spur zu langsam an seinen Mund führte.

Da er mit vollem Mund außerdem noch sagte – wenn diese Zahl 72 stimmt, dann besteht seiner Meinung nach die Menschheit eher aus 74 Geschlechtern als aus 72 –  kroch weiterer Kochkäse hartnäckig auch unter seine Nase und über sein Kinn…

Was natürlich sofort kritisch von Gerlinde angezeigt wurde, so dass ihm trotz verächtlichem Schnaubens nichts Anderes übrigblieb, als augenblicklich mit Serviette und Spucke diese Peinlichkeit wegzuschaffen.

Danach konnte Gerlinde endlich fragen, wie er denn auf diese Zahl 74 käme?

„Naja“, sagte Carl, „wenn ich an unseren Chef Dr. Osterkorn in der Firma denke, muss es ja auch noch die A – Löcher und Nicht-A – Löcher geben oder sind diese beiden Geschlechter schon in der Zahl 72 enthalten?“

„Soweit ich mich entsinne, gibt es diese beiden nicht bei den 72 Geschlechterarten, sagte Gerlinde mit verschmitzter Ernsthaftigkeit. Aber immerhin gäbe es Personen die transgender seien, oder genderqueer oder genderfluid, oder bigender, oder trigender, oder agender, denn in diese 6 Gruppen könne man die 72 Geschlechterarten zusammenfassen – aber keine a-lochige und nicht-a- lochige in die dein Bernie passen würde!

„Mist“, schnauzte Carl, „dann ist er ja doch etwas Besonderes, dieser Dr. Bernhard Osterkorn“!

Stimmt, aber ich würde ihn dann nach dieser Klassifizierung nicht mehr unter die richtigen A-Löcher stecken, sondern eher bei den fluidalen A-Löchern also wechselnden A-Löchern sehen“!

„Und wieso das?“

„Naja – es gab ja schon Zeiten, wo du bestens mit Bernie ausgekommen bist“, frotzelte Gerlinde und lockte geduldig die letzten Tropfen Kaffee aus ihrem Kännchen.

„Vermutlich hast du sogar recht, Gerlinde, aber nach dem, was er vorgestern in der Managementsitzung bei TRIGA abgeliefert hat, gehört er ab sofort mindestens zu diesen fluidalen A-Löchern!

„Du musst es ja wissen, lieber Carl!“

„Ja! Da hat er nämlich wieder einmal so ganz auf seine arrogante Art und Weise eine richtig dreiste Nummer vom unfehlbaren, vorausschauenden Manager abgezogen: er habe nämlich im Netz, so stellte er es in dieser Sitzung dar, in einem Vorspann von Bullet Train den Brad Pit in Frauenkleidern gesehen, und da sei ihm gleichsam in einer Art spontaner Eingebung schlagartig klar geworden, wie bei TRIGA die Zukunft auszusehen habe: Nämlich nach dem durchschlagenden Erfolg, den TRIGA mit der zügigen Aufnahme der ‚Corona Gesichtsmasken’ in ihr Portfolio gehabt hat, muss jetzt unbedingt die ‚Weibliche Herrenmode‘ kommen. Und Gerlinde du kannst dir gar nicht vorstellen wie begeistert plötzlich alle waren, als er diesen vollkommen aus der Luft gegriffenen Schmarren, abgelassen hat! Ja es gab sogar spontanen Applaus für diesen Wichtigtuer“!

„Super,“ grinste Gerlinde vergnügt, „dein Bernie wird mir ja richtig sympathisch…“

„Ja aber hör, was er noch nachgeschoben hat: er hat mich vor dem gesamten Konzernmanagement damit beauftragt, nach dem gelungenen Einstieg in die Corona Masken Produktion, mir doch Gedanken zu machen, wie das mit der Weiblichen Herrenmode bei TRIGA realisiert werden könne, und ich solle doch gleich nächstes Quartal darüber berichten, welche Schritte und Investitionen erforderlich seien! Kannst du dir vorstellen in welchen Zugzwang mich dieses Arschloch damit bringt, er der große Superstratege – auf meine Kosten?“

„Toll Carl! Dein Bernie gehört aber nach diesen Ausführungen nicht in die Geschlechteridentitätsgruppe der ‚fluidalen A-Löcher‘ sondern eindeutig zu den a A-Löchern also nicht-A-Löchern“!

„Oh Gott – Gerlinde überleg dir was du sagst: wenn du nämlich das wirklich ernsthaft meinen solltest, dann versetzt du unserer gegenwärtigen Beziehung den Todesstoß, denn dann zwingst du mich, ab sofort aus Protest genderfluid zu werden und zum anderen Geschlecht zu driften! Anders sehe ich da keinen Ausweg…“

„Ja mach das ruhig Carl! Aber dadurch entkommst du mir nicht: ich werde mich nämlich, dann als geeichte ‚Protestantin‘ deinem Protest anschließen und genderfluid zu  einer neuen Männlichkeit übergehen – und Schwupps ist alles beim Alten, nur anders rum! Einziger Nachteil, ich bin insofern die Betuppte, als ich als jüngerer Mann plötzlich eine alte Frau zur Partnerin habe. Und ob das so prickelnd ist, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht?“

„Tja da kannst du recht haben“! brummte der sichtlich genervte Carl.

Und Gerlinde fügte in ihrer aufbauenden Art noch hinzu, „nur Mut – das wird schon –  Frau Carl! Was glaubst du wie rasch du dich an deine neue Rolle gewöhnst, wenn du jetzt schon mal gleich den Frühstückstisch abräumst, meine Liebe?“

Und ehe die zukünftige Frau Carl noch einwerfen konnte, dass sie dann zukünftig auch keine Wasserkästen mehr in den Keller schleppen würde, verließ der gut gelaunte zukünftige Herr Gerlinde, ohne ein weiteres Wort, schnellen Schrittes den Frühstückstisch.

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