Nach „Hilfe! Wer erlöst mich…“ kommt jetzt ein weiterer Krimi über einen neuen seltsamen Vorfall in Rodenbach! Und zwar wie bisher am Donnerstag und Sonntag im Blog sowie im Facebook in meiner Story –  dieses Mal sind es 18 Kapitel!  

Kapitel 1

Pech gehabt

Etwas Dümmeres hätte dem Udo Seidler gar nicht passieren können: mitten in der Nacht fielen ihm in der Gartenstrasse zwei tragbare Fernsehgeräte auf den Gehsteig!

Das war vielleicht ein Getöse! Und der Udo schimpfte und fluchte, dass allein davon schon die halbe Gartenstrasse aus ihrem mitternächtlichen Tiefschlaf gerissen wurde. Hastig und total kopflos versuchte er, wenigstens die größten Trümmer der zerdepperten Geräte in seinen Koffer zurückzuschaffen. Weiß der Geier warum dieser blöde Koffer plötzlich aufgesprungen war!

Als dann auch noch Herr Schmidt, vor dessen Haus ihm das Missgeschick passiert war, im Bademantel und mit aufgespanntem Regenschirm, wie ein drohender Derwisch vor ihm stand und „he Udo, was soll denn das werden?“ bellte, fuhr Udo erschrocken hoch, gurgelte irgendetwas Unverständliches und rannte Hals über Kopf davon.

Verärgert und ratlos stand Herr Schmidt vor den beiden Koffern; der eine, noch verschlossen, stand mitten auf dem Gehsteig, der andere mit den beiden zerschlagenen Fernsehgeräten lag offen daneben. Zu allem Überdruss war der Gehsteig auch noch über und über mit den Glasscherben von den zerborstenen Bildröhren bedeckt. Aber der fürchterliche Wind und der noch ekelhaftere Regen setzten Herrn Schmidt derart zu, dass er sich kaum auf das Chaos auf dem Gehsteig konzentrieren konnte.

Auch in den Nachbarhäusern waren etliche Leute durch den Lärm aufgeweckt worden. Immer mehr Rollläden fuhren krachend hoch, und trotz Sturm und Regen zeigten sich auch immer mehr neugierige Nasen in den offenen, hell erleuchteten Fenstern.

„He Erich, du musst auch in den anderen Koffer schauen, der noch zu ist!  Wer weiß was da drinnen ist“? rief Herr Ludwig mit seiner kräftigen Gesangsvereinsstimme von gegenüber zu dem immer noch ratlos dastehenden Schmidt.

„Tu’ s nicht, vielleicht ist eine Bombe drinnen“! kreischte seine Frau leicht hysterisch aus dem vergitterten Schlafzimmerfenster im Untergeschoß, „komm lieber ins Haus, Erich, du wirst ja ganz nass! Wir rufen die Polizei, die soll sich um diese Sauerei kümmern! Du holst dir nur den Tod bei dem Sauwetter!“ Und Frau Metzger von schräg gegenüber rief, wie ein automatischer Anrufbeantworter ununterbrochen „wer war’s denn? Wer war’s denn? Wer war’s denn?“ Ihre schwerhörige Großmutter kam sogar trotz Regen und Wind im Nachthemd heraus auf die Straße und wollte wissen, ob Unfallflucht vorläge und das Unfallauto abgehauen sei. “Bestimmt wieder so ein Ausländer“, rief sie gellend Herrn Schmidt zu.

Aber der hatte für den Wissensdurst der besorgten Großmutter keinerlei Verständnis, da ihm trotz Schirm und Bademantel, das Regenwasser mittlerweile vom Po direkt auf beide Waden plätscherte. Er ließ die aufgeregte Großmutter in ihrem Nachthemd einfach stehen und flüchtete prustend und schnaubend in sein Haus.

Als er sich selbst einiger maßen trockengelegt hatte, überlegte er, was er tun sollte: schließlich war es zwei Uhr morgens, eine Zeit in der jeder anständige Mensch noch schlief! Überhaupt wenn man morgens raus musste! Seine Frau schlief wohl auch schon wieder, sonst wär’ sie bestimmt schon in der Küche gestanden und hätte ihn genervt.

Nach einem kräftigen Schluck Bier, den er sich genehmigt hatte, entschloss er sich, erst bei Udos Eltern, den Seidlers, anzurufen: sie sollten zuerst erfahren, was ihr Prachtjunge gerade angestellt hatte!

Aber bei Seidlers meldete sich niemand; entweder schliefen die so fest oder sie gingen nachts prinzipiell nicht ans Telefon, was auch zu verstehen war.

Was tun? Er probierte es noch einmal und ließ das Telefon einige Minuten lang läuten – vergeblich…

Schließlich wurde es ihm zu dumm; kurz entschlossen, aber mit heftigem Bauchgrimmen, wählte er die im Telefonbuch angegebene Polizeirufnummer in H., denn in Rodenbach gab es schon seit etlichen Jahren keine Polizeidienststelle mehr; aus Kostengründen war sie gestrichen worden.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich endlich am anderen Ende der Leitung eine müde Stimme etwas unwirsch meldete.

Umständlich und viel zu ausführlich erzählte Herr Schmidt, dieser müden Stimme, was vor seinem Haus passiert war.

Ja und dann war er paff erstaunt, als diese müde Stimme, die durch das Zuhören noch müder geworden war, gähnend sagte,

„Nehmen Sie doch die Koffer einfach zu sich ins Haus“!

„Wie? Was? Ich soll alles einfach reinnehmen? Und was ist mit Spurensicherung und so?“

Da lacht die müde Stimme am Telefon, oder gähnte, so genau konnte man das nicht ausmachen. Sie sagte, „die Sache ist doch sonnenklar, Sie, wie war ihr Name gleich?“

„Schmidt, Erich Schmidt“!

„Ja, Herr Schmidt, Sie haben doch wie Sie selbst sagen den mutmaßlichen Täter eindeutig identifizieren können, oder“?

„Ja das schon, das schon, “stammelte Herr Schmidt und überlegte, was er noch vorbringen konnte, um nicht wieder in den Regen hinaus zu müssen.

Aber die Stimme, die nun gar nicht mehr müde klang, ließ sich nicht überreden, wahrscheinlich wollte sie bei diesem Hundewetter auch nicht aus der warmen Dienststube.

Und dann erinnerte der Polizist, als den er sich plötzlich zu erkennen gab Herrn Schmidt an seine staatsbürgerlichen Pflichten, zu denen es auch gehöre offensichtlich gestohlene Sachen zu sichern und zu versorgen. Er notierte nun auch Name und Adresse und verabschiedete sich freundlich aber bestimmt.

Ja – das hatte er davon! Herr Schmidt kam sich reichlich blöd vor.

Er bereute sich da überhaupt eingemischt zu haben. Wenn er in seinem warmen Bett liegen geblieben wäre, nichts gehört und gesehen hätte, wäre er wenigstens nicht nass geworden. Und an das, was die Seidlers sagen werden, wenn sie hörten, dass er ihren Udo angezeigt hat, wollte er gar nicht denken. Da trank er schon lieber noch ein Bierchen!

Verärgert zog Herr Schmidt dann seinen alten Wintermantel über und schleppte mit viel Geächze und Gestöhne die beiden triefend nassen Koffer in den Keller. Das Zeug da drinnen war alleine schon durch die Nässe kaputt. In dem offenen Koffer war mehr Wasser als Gerätschaft! Widerwillig kehrte er auch noch die Glasscherben auf dem Gehsteig und der Straße zusammen und warf sie in den mitgebrachten Mülleimer.

Als Herr Ludwig, quer über die Straße nachfragte, ob er auch die Polizei verständigt habe, brummte er etwas von fauler Bande und verschwand missmutig in seinem Haus.

Bevor Herr Schmidt am nächsten Morgen in die Arbeit fuhr, schaute er noch bei den Seidlers in der Bahnhofstrasse vorbei. Den alten Seidler kannte er nur vom Sehen. Er war ein kleiner unscheinbarer Mann, von dem man eigentlich nur wusste, dass er der Vater von Udo und Manfred war. Die beiden kannte jeder im Ort: Udo war der Dorftrottel von Rodenbach und Manfred war auf dem besten Weg ein bekannter Motorradrennfahrer zu werden. Jedenfalls hatte er schon eines der Sandbahnrennen, die jährlich zweimal in Rodenbach ausgetragen wurden, gewonnen und bei Rennen in U. und W. war er Dritter geworden.

Georg Seidler war etwas verlegen, als Herr Schmidt ihn so früh am Morgen überfiel und um eine kurze Aussprache bat. Ohne ein weiteres Wort führte er ihn durch den dunklen Hausflur in die Küche, wo Frau Seidler das Frühstückgeschirr wegräumte. Es roch nach Kaffee und Zigarettenrauch. Frau Seidler, eine große dicke Frau mit einem gutmütigen roten Gesicht, war noch im Morgenmantel. Etwas erschrocken über den unerwarteten Besuch, gab sie Herrn Schmidt verlegen die Hand und strich mit beiden Händen über ihr Haar.

Herr Schmidt erzählte gleich im Stehen und nicht ohne Bedauern von dem seltsamen Vorfall in der Nacht.

Herr Seidler, der sich mit einer Zigarette an den Küchentisch gesetzt hatte, schüttelte beständig seinen Kopf, während Herr Schmidt erzählte.

Frau Seidler, die sich immer häufiger mit dem Handrücken über die Augen fuhr, sagte, dass der Udo ein einziges Unglück sei!

„Die Sorgen mit ihm hören einfach nicht auf“, sagte sie und ließ sich schluchzend auf einen der Küchenstühle fallen.

„Das kann nicht sein“, fuhr Georg Seidler dazwischen und schüttelte immer noch seinen Kopf, “das kann nicht sein! Das muss eine Verwechslung sein. Der Udo liegt doch oben in seiner Kammer und schläft“

Frau Seidler schnäuzte sich und bestätigte das.

„Als der Manfred um sechs Uhr nach H. in die Arbeit gefahren ist, hat der Udo geschnarcht wie sonst was“!

„Mir tut’ s ja echt leid, Frau Seidler“, sagte Herr Schmidt, der immer noch stand“, aber sie können mir glauben – ich hab‘ mich nicht getäuscht! Dazu kenn’ ich den Udo viel zu gut, er lehnt ja fast jeden Tag da an dem bepflanzten Steinsockel vorm Postamt“!

Frau Seidler nickte, griff sich ins Gesicht und starrte eine ganze Weile auf den Küchentisch.

„Ja, leider lümmelt er da immer rum“, sagte sie und hatte schon wieder Tränen in den Augen „was wir deswegen schon für Ärger gehabt haben, das geht auf keine Kuhhaut. Und wie die Leute schimpfen über ihn: sein Anblick wär’ angeblich für jeden eine Zumutung, sagen sie – und jeder der durch den Ort fährt, muss immer diesen unappetitlichen Trottel mit dem blöden Gesicht sehen – eine Schande für Rodenbach ist das und so weiter und so weiter……!“

„Auch das Gemeindeamt schreibt immer wieder Briefe und bestimmt hätten die schon etwas gegen ihn unternommen, wenn der Manfred nicht so ein bekannter Rennfahrer wäre!“

Frau Seidler zündete sich mit zitternden Händen auch eine Zigarette an und machte ein paar hastige Züge

„Und jetzt das noch“ stöhnte sie „die Katastrophen hören bei uns einfach nicht auf…“

„Aber beruhig’ dich doch Berta“, sagte Georg Seidler „es ist doch überhaupt noch nichts bewiesen, wer weiß was da wirklich dahinter steckt“?

Herr Schmidt stimmte dem zu, nickte und schien fast erleichtert. Aber diese Erleichterung war gleich wieder weg, als er kleinlaut gestehen musste, auch schon die Polizei eingeschaltet zu haben.

„Ja ich wusste’ nicht, was ich anderes tun hätte sollen! Noch dazu wo doch in Rodenbach in letzter Zeit sowieso so viel eingebrochen worden ist. Und von euch ist ja niemand ans Telefon gegangen. Ich hab’s mehrfach in der Nacht versucht….

„Ist schon in Ordnung“, sagte Herr Seidler und drückte seinen Zigarettenstummel in den Aschenbecher, „wenn der Udo etwas ausgefressen hat, dann muss er auch dafür grad stehen. So einfach ist das“!

„Aber der versteht doch nichts, der weiß ja gar nicht was er tut“, warf seine Frau ein und fing wieder an zu weinen.

„Was gut und schlecht ist, das versteht ein jeder „, knurrte Herr Seidler und machte mit der rechten Hand eine Bewegung als sei für ihn die Sache damit erledigt.

Herr Schmidt wusste auch nicht, was er noch sagen sollte. Er entschuldigte sich nochmals und ging. Am liebsten hätte er sich selbst geohrfeigt! Warum hatte er mit der Anzeige nicht noch abgewartet? Vielleicht waren seine Befürchtungen wirklich alle ganz falsch? Vielleicht gab es für alles eine ganz einfache Erklärung? Aber durch die Einbrüche in jüngster Zeit war man so verunsichert, dass man immer gleich an das Schlimmste dachte.

Und über den blöden Udo hatte er sich auch schon oft geärgert. Besonders vertrauenerweckend war der ja wirklich nicht. Und warum der immer vor der Post herumlungernd musste, hatte er auch noch nie verstanden.

Herr Schmidt, der schon fünfzehn Jahre bei den Wasserwerken in H. in der Abrechnungsstelle arbeitete, wurde abends, als er nach Hause kam von seiner Frau mit der Meldung überfallen, dass die Polizei schon dagewesen sei und die Sachen abgeholt habe.

„Das waren drei ganz junge Kerle; bestimmt noch keine fünfundzwanzig Jahre alt. Die haben sich auch alles von mir noch einmal ganz genau erzählen lassen und auf Tonband aufgenommen“!

„Aha“, sagte Herr Schmidt etwas verwundert, schließlich wäre er ja die richtige Adresse gewesen, um Auskunft zu geben

„Und von wo die Sachen her sein könnten, haben die auch nicht gewusst oder nicht sagen wollen. Der eine von ihnen und zwar der Nette mit dem Schnurbart, hat aber gemeint, dass die Sachen gut von dem Einbruch in den Wasa – Markt stammen könnten“.

Dieser Einbruch vor ein paar Wochen hatte ganz Rodenbach in Aufregung versetzt. Josef Rampf von der Wach – und Schließgesellschaft war damals schwer verletzt worden. Er lag noch immer in H im Krankenhaus. Bei seinem nächtlichen Rundgang hatte er um drei Uhr morgens die zertrümmerte Eingangstür bemerkt. Sie war einfach mit einer Leiter von einer nahegelegenen Baustelle eingerammt worden. Offenbar hatten sich die Täter ziemlich sicher gefühlt. Josef Rampf, der ohne Hund unterwegs war, musste versucht haben, sich an die Täter heranzuschleichen. Aber irgendwie war er bemerkt worden, denn noch bevor er Genaueres sehen konnte, war er mit einer vollen Weinflasche niedergeschlagen worden.

Die Angestellten des Großmarktes fanden ihn am nächsten Tag unter einem Berg von leeren Kartons. Erst nach gut einer Woche kam er wieder zu Bewusstsein und nach Einschätzung der Ärzte hatte er großes Glück gehabt überhaupt mit dem Leben davon gekommen zu sein.

Bezüglich der Täter tappte die Polizei vollkommen im Dunklen. Das Einzige, was die Täter, oder vielleicht war es auch nur einer, zurückgelassen hatten, war ein alter Lederhandschuh und ein blaurot gestreifter Schal. Und nach dem, was aus der Elektroabteilung fortgeschleppt worden war, mussten es bestimmt mehrere gewesen sein. Für einen war das nicht zu schaffen gewesen, es sei denn er hätte sehr viel Zeit gehabt.

Aber wie gesagt, das war vor ein paar Wochen gewesen! Wie das mit Udo zusammenhing, konnte sich Herr Schmidt auch nicht erklären. Aber so voreilig schien ihm dann abends beim Bier vor dem Fernseher seine Anzeige nun doch nicht mehr. Wenngleich die Seidlers ihm nach wie vor echt leidtaten – auf die kamen schwere Zeiten zu, egal wie die Sache ausging!

KH

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