Kapitel 5

Durchgefilzt

„Bei dem letzten Einbruch im Wasa – Markt gab es nicht den geringsten Beweis dafür, dass Udo Seidler daran beteiligt gewesen war“!

Kriminalkommissar Färber sagte das gleich mehrmals hintereinander, als er wenige Tage nach dem Einbruch überraschend bei den Seidlers auftauchte. Aber gerade dadurch wurde er unglaubwürdig; dies umso mehr, als er im gleichen Atemzug darauf hinwies, dass die gestohlenen Kleidungsstücke und Lebensmittel in gewisser Weise, doch den Verdacht auf Udo lenkten und er mit einem etwas schiefen Lächeln einen Durchsuchungsbefehl aus der Tasche zog.  “Außerdem besteht auf Grund von Hinweisen aus der Nachbarschaft der Verdacht, dass Udo gar nicht so verschwunden ist, wie es den Anschein hat“!

Die Seidlers fielen aus allen Wolken. Berta Seidler fing gleich wieder zu weinen an und Georg Seidler wollte von Färber wissen, was er den angestellt habe, dass er dermaßen verdächtigt werde.

„Ich habe doch mein ganzes Leben lang ehrlich gearbeitet und mir nie etwas zu Schulden kommen lassen, hab’ immer alles bezahlt, was zu zahlen war und auch bei meinen Kindern immer darauf geachtet, dass sie wussten was Recht und Unrecht ist, warum dann solche Verdächtigungen, können Sie mir das bitte sagen?“

Färber zog hilflos die Schultern hoch

„Ich kann’s leider nicht ändern, Herr Seidler! Aber glauben sie mir, wir handeln nicht leichtfertig. Da wir aber ganz konkrete Hinweise aus der Nachbarschaft haben, dass Sie den Udo eventuell versteckt halten und dass von ihrem Haus aus auch Diebesgut in Umlauf gebracht worden ist, müssen wir leider handeln, das müssen Sie bitte einsehen, oder?“

Berta Seidler schluchzte laut auf, als sie das hörte, mit gepresster Stimme schrie sie,“ Hören sie doch auf mit dem blöden Herumgerede, sagen Sie mir doch lieber ob unser Udo überhaupt noch lebt – vielleicht ist der schon längst tot und irgendwo verscharrt worden!“

Georg Seidler versuchte seine schluchzende Frau zu beruhigen, unbeholfen klopfte er ihr auf den Rücken.

„Berta beruhige dich doch! Das zahlt sich doch gar nicht aus, dass man sich wegen so einem Gesindel aufregt! Herumspitzeln und denunzieren, das kann die Saubande, aber sonst nichts! Und mit so etwas arbeitet die Polizei zusammen, aber unsereinem glaubt sie nichts! Das ist wirklich super! Echt super, Herr Kommissar!“

Gereizt zog Färber die Augenbrauen hoch.

„Herr Seidler, nur damit das klar ist, die Polizei arbeitet mit jedem zusammen, der ihr hilft; den Luxus uns nur von Lieben und Braven helfen zu lassen, können wir uns leider nicht leisten, schließlich müssen wir vorankommen und die Gangster möglichst schnell schnappen, verstehen Sie das?“

Seidler schwieg, was hätte er auch sagen sollen. Er presste die Lippen zusammen und schaute Färber unentwegt an.

„Und besonders kooperativ sind Sie ja bisher nicht gerade gewesen: Keinerlei Hinweis bisher von ihrer Seite, der uns irgendwie weitergeholfen hätte, keinerlei vernünftige Angaben zu möglichen Aufenthalten von Udo, nichts, Herr Seidler, ja für uns ist konkret nicht erkennbar, dass sie an der Aufklärung dieses Falles überhaupt interessiert sind, so sieht’s aus! Das Einzige was wirklich passiert ist, ist ein neuer schwerer Einbruch. Und zwar ein Einbruch, der in vielem an den Vorangegangenen erinnert, bei dem   immerhin ihr werter Sohn Udo eine eigenartige Rolle gespielt haben dürfte, wie es scheint, oder ist das falsch was ich sage?“

„Falsch! Falsch! Als ob es darauf ankäme“! presste Seidler aus sich her – aus, „hier geht es doch um ganz was Anderes, aber sagen Sie mir doch Herr Kommissar, werden wir jetzt jedes Mal durchsucht, wenn irgendwo in der Umgebung ein Einbruch passiert“?

„Nein, nicht jedes Mal“!

„So nicht jedes Mal! Aber vielleicht jedes zweite Mal, oder?“

„Nein auch nicht jedes zweite Mal“!

„Wann denn? Jedes dritte Mal oder wird gewürfelt?“

„Da gibt es kein System, Herr Seidler, außerdem, dass immer dann durchsucht wird, wenn ein begründeter Verdacht besteht, dass eines der Familienmitglieder mit dem Einbruch etwas zu tun hat. Und im Übrigen bitte ich Sie sehr, davon auszugehen, dass wir weder Sie noch Ihre Familie in irgendeiner Weise belästigen oder schikanieren wollen. Wir machen nur unsere Arbeit und wollen den Udo finden!“

„Den Udo finden, das möchte ich auch“! stöhnte Georg Seidler und sank neben seiner Frau in sich zusammen; er schien plötzlich so abwesend als hätte er den Raum verlassen.

Färber wurde ungeduldig. Auf seinen Wink holte Unger, der die ganze Zeit schweigend neben ihm gestanden war, noch zwei Kriminalbeamte von draußen herein und ging mit ihnen ohne ein weiteres Wort ins Obergeschoß, um Udos Zimmer zu durchsuchen.

Georg Seidler zitterte, als hätte er Schüttelfrost! Das Zittern kam von den Beinen hoch und hatte im Nu den ganzen Körper erfasst. Er versuchte zwar die Arme und Ellbogen auf den Couchtisch zu pressen, aber das gelang nicht; sein aufgestützter Kopf begann fast zu tanzen. Plötzlich sprang er auf und rannte, wie ein Tier völlig kopflos in der Wohnstube hin und her.

Färber hatte sich ohne zu fragen in einen der Couchsessel gesetzt und beobachtete stumm aber voll Sorge, die Unruhe von Georg Seidler und das stetige leise Weinen seiner Frau. Er spürte, dass jedes Wort zu viel war; die kleinste Belanglosigkeit konnte eine Explosion auslösen!

Nach etwa einer halben Stunde kam Unger mit den beiden anderen vom Obergeschoß herunter. Während die beiden Beamten sofort nach unten in den Keller gingen, winkte Unger, Färber zu sich und flüsterte ihm etwas zu. Färber nickte ein paar Mal und setzte sich schweigend wieder in seinen Sessel.

Georg Seidler schien das alles nicht mehr zu kümmern: er rannte weiter unentwegt von einer Wand zur anderen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, die Augen starr auf den Boden gerichtet…

Nach den Kellerräumen wurde auch der Garten mit Scheinwerfern abgesucht. Die Leute machten das gründlich, es gab keine Ecke, die nicht ausgeleuchtet wurde, keinen Strauch, um den nicht mehrmals herumgegangen wurde und kein Grasbüschel an dem nicht gezerrt worden wäre. Besondere Aufmerksamkeit erregte natürlich der kleine Schuppen an der Rückseite des Gartens, in dem die Fahrräder gerade noch Platz hatten, der aber ansonsten bis obenhin mit Brennholz und Gerümpel vollgestopft war. Zuletzt wurden auch in der Garage sämtliche Wände, sowie der Boden und die Decke abgeklopft, in der Hoffnung doch noch irgendwelche Verstecke zu finden.

Die Nachbarn standen trotz der Kälte an diesem Novemberabend vor ihren Häusern und beobachteten mit lauernder Aufmerksamkeit, die etwas gespenstisch anmutende Suche mit den Scheinwerfern. Manchmal rief auch einer etwas. Von irgendwoher hörte man auch etwas von Gesindel und so. Aber es gab auch andere, die das Unglück der Seidlers beklagten und sich darüber erregten, dass man so ehrbare Leute auf so demütigende Weise durchfilze. Das hätten die Seidlers nicht verdient, sagten diese Leute und wahrscheinlich waren sie sogar in der Mehrzahl.

Nach zwei Stunden war alles vorbei.

Kommissar Färber besprach sich noch einmal mit Unger und sagte dann zu dem immer noch hin und her gehenden Seidler, dass die Hausdurchsuchung abgeschlossen sei. Georg Seidler zeigte keinerlei Reaktion.

„Wir haben auch nichts Belastendes gefunden, Herr Seidler! Außerdem kann jetzt niemand von den Nachbarn mehr behaupten, dass hier in ihrem Haus ein Versteck ist; wenigstens das hat’s gebracht“!

Damit verabschiedete sich Färber und ging!

„Das ist kein Trost“, hörte er im Hinausgehen Georg Seidler sagen, „denn die andern werden mit ihren Verdächtigungen doch nicht aufhören…“

Als Kommissar Färber in sein Auto stieg, rief er der gaffenden Menge zu, sie könnten sich beruhigt wieder vor ihre Fernsehapparate setzen, „die Schau ist beendet“!

Und als er schon im Auto saß, stieg er nach kurzem Zögern noch einmal aus und rief den Leuten zu, „übrigens, wir haben nichts gefunden, dass das klar ist! Nicht die kleinste Kleinigkeit“!

Und vielleicht war es Zufall, dass er bei der letzten Bemerkung direkt zu Staudingers gegenüber hochschaute. Aber Frau Staudinger tat als hätte sie nicht richtig gehört, was gesagt worden war. Sie blieb seelenruhig im offenen Fenster liegen bis alle Autos der Kriminalpolizei abgefahren waren und die Straße wieder leer dalag.

KH

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