Carl und Gerlinde (Folge 68)

Also das hat Carl gerade noch gefehlt! Jetzt kam seine Gerlinde, quasi schon im Morgengrauen mit Poesie daher! Und als ob Poesie allein nicht reichte – nein – es musste noch Poesie aus dem Schlachthof sein – mit der zum Himmel stinkenden Schweinerei an Schweinen!

Dabei war ja diese Gerlinde, wenn sie so morgens in ihrem neuen luftig-duftigen Sommerpyjama durch die Küche tänzelte – eingehüllt in einen verführerischen Duft aus frisch gebrühtem Kaffee, Schinken, Weißbrot und ihrer selbst komponierten Erdbeermarmelade – echt zum Anbeißen! Ja man hätte sie mit Haut und Haar auffressen können, wenn da nicht dieses verdächtige Flackern in ihren Äuglein gewesen wäre, das nichts Gutes verhieß…

„Na du bist aber heute morgen gut drauf “, sagte Carl vorsichtig tastend, selbst schon zum Aufbruch bereit, um nach dem Frühstück gleich ins Büro ab zu schwirren.

„Ja – irgendwie schon!“

„Und was heißt ‚irgendwie schon‘?“

„Na ja – das heißt, dass ich heute Nacht, während du fast einen kompletten Wald umgesägt hast, wieder so eine ähnliche Eingebung hatte, wie unlängst mit dem ‚aufheulenden Maserati‘ beim Sonntagsspaziergang in H.!“

„Was kam denn dieses Mal für eine umwälzende Prophetie über dich?“ fragte Carl in leicht ironischem Ton.

„Ich hab dir doch gestern diesen köstlichen Vierzeiler von Heinz Erhardt über einen ‚Eber‘ vorgelesen?“

„Ja ich erinnere mich, dieser Eber schämte sich für seine säuische Verwandtschaft?“

„Ja das tut er! Aber mich haben diese witzigen Zeilen komischer Weise bis in den Schlaf verfolgt.“

„Warum das denn?“

„Ich weiß auch nicht, aber irgendwie haben sie in ihrer witzigen Banalität mir bewusst gemacht, dass Schweine doch sehr empfindsame Lebewesen sind, und man sie nicht einfach so massenweise dahin metzeln darf, wie in dieser Schlachterei von ‚Tönnies‘ in Gütersloh, in der pro Arbeitstag 30.000 Schweine getötet und verarbeitet werden. Das ist doch Wahnsinn! Und absolut fern von jedem ethischen Empfinden für Schöpfung und so etwas?“

„Na na na! – jetzt bist du aber hypersensibel, Gerlinde?“

„Ich finde nicht! Im Gegenteil! Wenn ich mir bewusst mache, in welchem Ausmaß da und anderen Orts tagtäglich lebende Wesen verramscht werden, überfällt mich nicht nur eine tiefe Trauer sondern auch ein schlimmer Ekel!“

„Aber Gerlinde – du hast jetzt hoffentlich nicht vor, als ‚Mutter Theresa der Schweine‘ in die Geschichtsbücher einzugehen?“ feixte Carl, biss mit Genuss in eines der köstlich duftenden Schinkenbrötchen und schlürfte wie ein Jungferkel an seinem Kaffee.

„Mach dich nur lustig, Carl! Aber vielleicht will ich wirklich so etwas Ähnliches, denn als ich heute Nacht wie üblich um 3 Uhr aufwachte und aufs Klo musste, kreiste sofort wieder Erhardts Vierzeiler in meinem Hirn herum…“

„Tja – da kannst du froh sein, dass es nur dieser Vierzeiler war – und nicht Schillers ‚Lied von der Glocke‘!“

„Ja, war ich auch – du unverbesserlicher Spötter! Aber ….“

„Was aber?“

„Mir fiel dann im Bett, nach dem ich mich dutzende Male herumgewälzt hatte, plötzlich ein, wie es weitergehen muss in Erhardts Vierzeiler…“

„Und wie?“

„Na ja du wirst dich auch darüber wieder lustig machen, aber ich sag dir einfach einmal, an was ich dachte bei diesem Gedicht, das ‚Der Eber‘ heißen sollte,

Der Eber ist oft sehr verstimmt,

weil seine Kinder Schweine sind.

Nicht nur die Frau – die Sau alleine –

auch die Verwandtschaft – alles Schweine!

Was Wunder wenn er ungewollt,

dem ‚Tönnies‘ in die Arme rollt?

Und dort – auf dass er nicht enteilt,

gleich in zwei Hälften wird geteilt,

damit er finde seine Ruh‘ –

vieler Orts in kühler Truh‘!“

„Hm Hm Hm!“ – brummte Carl, schaute auf seine Uhr, stand rasch vom Frühstückstisch auf, gab Gerlinde einen flüchtigen Kuss und fuhr mit der Gewissheit ins Büro, dass er sich in Zukunft seine geliebten Schweineschnitzel wohl in der TRIGA–Kantine ‚reinziehen‘ wird müssen…

KH

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