Carl und Gerlinde (Folge 65)

Natürlich witterte der ausgekochte Spartenleiter und Prokurist, Dr. Osterkorn, sofort das riesige Geschäftsvolumen, das da auf die Firma TRIGA zukommen könnte: der Bedarf an Gesichtsmasken war doch angesichts der Corona-Pandemie weltweit wirklich unfassbar groß – praktisch unendlich, oder?

Und dieser Bedarf sei auch nicht von heute auf morgen zu decken! Nein – das konnte Wochen, wenn nicht Monate dauern! Vielleicht sogar Jahre! Diese Bedarfslücke konnten nicht einmal der Wirtschaftsgigant China zeitnah schließen, selbst wenn China nach angeblich durchgestandener Coronakrise seine Wirtschaft wieder schrittweise hoch fuhr: Europa und Amerika seien doch erst mitten drin in der Krise und Afrika habe sie noch gar nicht richtig erreicht, röchelte Dr. Osterkorn, alias Bernie, in seinen Mundschutz, den seine Tochter selbst genäht hatte, wie er stolz verkündete, in dieser ersten Geschäftsbesprechung nach dem regierungsverordneten Lockdown der gesamten deutschen Wirtschaft.

Carl signalisierte absolute Zustimmung, soweit das unter seiner Gesichtsverhüllung und trotz der großen Entfernung zu erkennen war, da er, Dr. Osterkorn und Frau Miriam Braun, als Verantwortliche für die Sparte ‚Wirk- und Strickwaren‘ der Firma TRIGA, nur zu Dritt an dem weitläufigen Besprechungstisch des Hauses saßen.

Und obwohl Carl das ganze Getue rund um Corona kaum noch ertragen konnte, musste er eingestehen, dass auch er schon seit zwei Wochen Tag und Nacht darüber grübelte, wie der gesamte Bereich ‚Sport – und Wäscheartikel‘ der Firma auf die Produktion von Gesichtsmasken und diverse Schutzkleidung umgestellt werden könnte.

Tatsächlich hatte er bereits verschiedene Planungskonzepte zu Papier gebracht und vor zwei Tagen sogar ein erstes konkretes Realisierungskonzept ausgearbeitet, das er Bernie und Miriam heute unbedingt vorstellen wollte – mal sehen wie die beiden das aufnahmen?

Der konkrete Anstoß zu seiner an Maßlosigkeit grenzenden Neuplanungs – und Umorganisierungswut in seiner Firma – wie Gerlinde meinte – war eigentlich eine vollkommen unbedeutende Begebenheit gewesen, die aber seltsam hartnäckig in ihm nachhallte.

Sicher hätte er dieses lächerliche Ereignis in normalen Zeiten niemals wahrgenommen und hätte sich vermutlich auch gar nicht ereignet, wenn nicht ausgerechnet jeden Tag die Sonne wie verrückt geschienen hätte während dieser Gott verdammten Krise ! Eine Sonne unter strahlend blauem Himmel, die Gerlinde immer schon in Unruhe versetzte – und ins Freie trieb! Und die natürlich für Carl, wie das Amen im Gebet, die unangenehme Auswirkung hatte, dass er von Gerlinde so lange gequält wurde, bis er Gnaden halber wenigstens ein Stündchen für einen Stadtbummel zur Verfügung stand.

Wobei ein Stadtbummel durch H. in diesen Zeiten hieß, dass man praktisch vollkommen vereinsamt Minuten lang über gespenstisch leere Gehsteige zockelte, entlang geschlossener Geschäfte und Lokale und man selbst auf der Straße kaum ein Auto oder Motorrad ausfindig machen konnte.

Unfassbar, stöhnte Carl bereits zum vierten Mal, wie ein unsichtbares Etwas, wie dieses Virus, eine derartig anhaltende Verdrängung der gesamten menschlichen Gesellschaft aus dem öffentlichen Raum erreichen kann! Und das vollkommen lautlos, ohne jede Klage und Gegenwehr. Was für ein beängstigendes Phänomen!

Aber er, Carl, rebellierte ja auch in keiner Weise!

Nicht einmal dann, als ihn Gerlinde unsanft vom Gehsteig drängte, da wider Erwarten plötzlich doch einige Passanten entgegen kamen.

Ja – und ausgerechnet als sie beide vom Gehsteig auf die Straße traten, passierte es: sowohl Carl und Gerlinde als auch die übrigen Passanten hörten plötzlich das obertonreiche, nicht mehr zu überbietende Aufheulen eines Motors – und ehe sie sich versahen raste tatsächlich ein Maserati  vorbei! Erschrocken blieben alle kurz stehen, schüttelten verwirrt die Köpfe, schauten sich gegenseitig in die Augen – und brachen dann in lautes Gelächter aus: was für ein armseliges Würstchen doch! Das da glaubte mit einem Maserati protzen zu müssen – irgendwie wirkte das nicht nur erbärmlich, sondern vollständig aus der Zeit gefallen! Aus einer Zeit vor Klima und Corona.

Und seltsam, als alle wieder ihrer Wege gingen, blieb Gerlinde plötzlich stehen und sagte zu ihrem Carl, dass auf sie dieses Lachen der Passanten wie eine Erweckung gewirkt hätte – grad‘ so als könnte man auf bessere Zeiten hoffen!

Vielleicht, grunzte Carl, aber er glaube erst an bessere Zeiten, wenn sich damit Geld verdienen ließe: nur reale, nachhaltige Geschäfte veränderten die Welt – alles andere sei nutzlose Spinnerei, sagte er und zog Gerlinde sanft mit sich fort.

K.H.

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