Hilfe! Wer erlöst mich…? (Kapitel 6)

Also jetzt kommt nach dem Thriller ein Roman! Und zwar eine Story  für  jung gebliebene Jugendliche und  jung  gebliebene ältere Herrschaften: immer am Sonntag und Donnerstag kommt ein Kapitel – insgesamt sind es 13 Kapitel. Mal sehen wieviel dieses mal durchhalten auf Facebook in meiner Story…

 

Kapitel 6

Steinschlag

Das Schlimmste an unserem Geheimnis war, dass ich mit niemand darüber reden durfte. Nicht einmal meiner besten Freundin, Vera Ditzel, durfte ich etwas sagen.

„Die Vera ist zwar ein liebes Mädchen, aber auch eine der schlimmsten Quasseltanten, wenn die etwas hört, weiß es der ganze Ort schneller, als man sich umdrehen kann“, pflegte Papa zu sagen, und ich musste ihm leider recht geben. Bei Vera musste man wirklich höllisch aufpassen, wenn man ihr etwas anvertraute.

Und er hatte bestimmt auch recht, wenn er meinte, dass die Leute im Ort uns für verrückt hielten, wenn sie von unserer Geschichte erfuhren; er sagte, „in Rodenbach wird doch eh nur rumgetratscht, die Leute haben doch nichts anderes zu tun, als sich ununterbrochen über andere, die gerade nicht da sind, den Mund zu zerreißen; jeder Mist wird doch wie eine Delikatesse genüsslich von Mund zu Mund gereicht!“

Ja, es war wirklich schlimm!

Wir haben dann auch die volle Breitseite abbekommen, als sich die Blumentopfgeschichte nicht mehr geheim halten ließ; in Rodenbach war die Hölle los gewesen! Selbst die ältesten Bewohner konnten sich nicht erinnern jemals einen derartigen Aufruhr erlebt zu haben. Um ein Haar wären wir damals aus Rodenbach weggezogen. Es war für uns kaum mehr auszuhalten gewesen.

Ich war nur froh, dass ich keine Schuld an dem Affentheater hatte, denn ich hatte bis zuletzt dichtgehalten und niemand etwas über die geheimnisvollen Blumentöpfe erzählt. Leicht war das für mich nicht gewesen.

An manchen Tagen hatte ich das Gefühl jeden Moment platzen zu müssen. Überhaupt wenn ich mit Vera zusammen war. Oft rannte ich einfach von ihr weg, da ich es nicht mehr aushielt; ich packte mitten während des Spielens meine Sachen und ging ohne Erklärung heim. Eigentlich war es ein Wunder, dass Vera mir die Treue gehalten hat in dieser Zeit und ich konnte nur zu gut verstehen, wie enttäuscht sie war, als die Sache hochkam.

„Du bist keine Freundin, sondern eine falsche Kuh,“ schrie sie mir ins Gesicht, „ein ganz linkes Aas bist du und ich hab’ wirklich keine Lust mich mit so was noch länger abzugeben“.

Das saß, ich heulte wie ein Schlosshund. Aber ich konnte Vera nicht einmal böse sein: ich kam mir selbst unheimlich schäbig vor. Wenn sie das mit mir gemacht hätte, hätte ich sie auch nicht mehr als Freundin mögen. Vera interessierte in ihrer Enttäuschung auch nicht, dass ich gar keine andere Wahl gehabt hatte, da mir Papa nun einmal das heilige Schweigegelübde abverlangt hat, und ich bin mir auch absolut sicher, sie hätte das Geheimnis nicht einmal eine Sekunde für sich behalten können. Selbst wenn sie mir tausend Schwüre geschworen hätte!

Aber diese Erkenntnis half mir damals auch nicht viel und Papas Spruch, dass es im Leben nun einmal nicht immer gerecht zuginge, half mir auch nicht richtig weiter. Gott, wie ich diese Sprüche hasse!

Gerechter Weise muss ich aber zugeben, dass ich mich mit Papa in dieser Zeit nicht nur ärgern musste. Denn nachdem wir die Fliedersträucher damals im Steinbruch entdeckt hatten, war er unheimlich zu Gange gewesen. Vor allem staunte ich, was er für Neuigkeiten daherbrachte. Mit dem dicken Wurzer hatte er die richtige Quelle angezapft: der dicke Wurzer übertraf nämlich Vera um Längen, was die Tratscherei anging und in der Breite sowieso, der tratschte mehr als alle Frauen in Rodenbach zusammen. Er hatte aber auch nichts Anderes zu tun. Er war schon in Pension, wie es hieß.

In seiner aktiven Zeit soll er Polizist in Hanau gewesen sein. Mir grauste ehrlich gesagt immer vor ihm, da er unter der Nase so schwarz war. Das kam vom Tabakschnupfen. Ununterbrochen stopfte er sich was in die Nase oder schnäuzte sich. Seine Taschentücher waren wie halbe Bettlaken und immer schmutzig.

Papa pflegte zu sagen, “der dicke Wurzer weiß über Rodenbach alles, er weiß was in Rodenbach momentan geschieht, er weiß was in Rodenbach früher geschah und er weiß was in Rodenbach zukünftig geschehen wird, er weiß einfach alles! In dieser Hinsicht ist er ein bisschen wie der liebe Gott, der Wurzer!“

Für den dicken Wurzer, wie ihn alle ganz offen in Rodenbach nannten, war es auch selbstverständlich, dass die Leute ihm immer noch Rede und Antwort standen, wie früher als er noch im Amt war. Und er konnte ziemlich grantig werden, wenn er sich hintergangen fühlte und hintergangen fühlte er sich immer, wenn man etwas vor ihm zu verheimlichen versuchte, was ohnehin zwecklos und dumm war, denn früher oder später, das heißt meist früher, erfuhr er es doch.

Ja und genau das war Papas Problem: wann sollte er den dicken Wurzer in unsere Geheimsache einweihen? Ich beneidete ihn nicht um diese Aufgabe und Mama auch nicht, wie sie sagte.

Für mich war aber noch viel interessanter, was Papa von dem dicken Wurzer alles zu erzählen wusste.

„Schon bald nach dem Krieg, waren nämlich die Höhlen, die oft unfachmännisch angelegt worden waren, nach und nach eingestürzt.

Aus diesem Grund war auch verboten worden, den Steinbruch zu betreten. Trotzdem war es aber immer wieder vorgekommen, dass Hausierer, Obdachlose oder andere seltsame Gestalten zumindest zeitweise in den halb verfallenen Höhlen Unterschlupf gesucht hatten“, erzählte er.

“Gelegentlich musste deswegen, wie Wurzer geheimnisvoll raunte, sogar die Feuerwehr ausrücken und sie vertreiben. Besonders nach schweren Regenfällen, wenn eine Höhle nach der anderen einstürzte und man befürchten musste, dass jemand verschüttet worden war. Was schon immer mal wieder vorkam. Und natürlich war er der Wurzer da immer mit von der Partie“, raunte jetzt auch Papa und pochte auf Vertraulichkeit.

„Das hat der Wurzer von mir auch verlangt“.

Warum, verstand ich allerdings nicht, offensichtlich war das doch eine bekannte Geschichte mit den Höhlen.

„Ruhe ist erst gewesen“, so Papa „als auch die letzte Höhle endlich eingestürzt war. Allerdings sei das damals ziemlich dramatisch gewesen. Nach wochenlangem Dauerregen, war fast die gesamte Ostseite des Steinbruches in Bewegung geraten, das ist genau die Geröllhalde, die wir unlängst inspiziert haben, Kiki, ohne zu ahnen was da alles möglicherweise darunter vergraben ist!“

„Und was war weiter“, drängte ich Papa und wusste schon, dass ich heute Nacht bestimmt wieder kein Auge zu bringen würde.

„Na ja, da einige Leute behauptet hatten, dass speziell in der letzten Höhle häufig ein Hausierer übernachtet hätte, den man auch oft in Rodenbach und Umgebung gesehen hatte und den daher viele kannten, war eine größere Aktion gestartet worden.“

„War aber von Anfang an eine hoffnungslose Sache gewesen, da über der vermuteten Höhle mehrere Tonnen Steine lagen“.

„Heißt das, dass man einfach wieder aufgehört hat mit dem Suchen?“

„Ja so ist das wohl gewesen“

„Unmöglich“, rief ich empört und spürte wie ich heiße Ohren bekam.

„Sicher, aber andererseits muss man auch bedenken, dass ja niemand wusste, ob der Hausierer wirklich drinnen war. Und einfach so die Steine in der Gegend rum zu werfen, war ja auch keine Kinderspiel Kiki…“

„Ja hat man diesen Mann nach dem Gesteinsrutsch denn noch einmal im Ort gesehen?“

„Schlaues Mädchen, genau das habe ich den Wurzer auch gefragt.“

„Und seine Antwort?“

„Nun, so genau wisse er das gar nicht, aber wenn er so zurückdenke, würde er sagen, dass man den Hausierer danach nicht mehr oft gesehen hatte, ja vielleicht sogar gar nicht mehr. Aber in den Hals würde er sich dafür nicht stechen lassen wollen, hatte er gesagt und dabei schlau gegrinst.“

„Verdammter Mist“, rief ich wütend und funkelte Papa an, obwohl er gar nichts dafür konnte.

„Gemach, gemach meine liebe Kiki, du musst auch die damalige Zeit in Betracht ziehen, da hatten die Menschen genug andere Sorgen und waren froh, wenn sie die Dinge des Alltages so einigermaßen hinbekamen und genug zu essen hatten, denen ging’s nicht so gut wie uns heute!“

„Jetzt kommt das wieder“, sagte ich genervt und verdrehte wie üblich die Augen.

Aber Papa nahm mich gar nicht richtig zur Kenntnis, sondern fing gleich von einer anderen Geschichte an, die er natürlich auch von seinem neuen Freund Wurzer hatte, nämlich vom alten Bäcker Meier, der sich zweimal vergeblich aufgehängt hatte, immer mit einem Strick vom Hausierer, der aber jedes Mal abgerissen ist, weil der Bäcker so schwer war…

Mama bremste da und sagte, „so einen Schmarren will ich gar nicht hören!“

„Na dann vielleicht die Geschichte vom Grafen, allerdings ist die auch vom Wurzer“, sagte Papa mit einem ironischen Unterton.

„Von was für einem Grafen?“ fragte Mama mit gekünstelter Interesselosigkeit.

„Sag’ bloß hier vom Schloss Langenselbold“, fuhr ich aufgeregt dazwischen.

„Genau, dem Grafen von Schloss Langenselbold, den es nicht mehr gibt“.

„Und was ist so spannend mit diesem Grafen? Ist er vielleicht mit dem Englischen Königshaus verwandt, oder ist er der Bruder unseres geheimnisvollen Unbekannten…?“

„Sei du nur ironisch“, sagte Papa, „der Wurzer sieht da schon ein paar seltsame Zusammenhänge. Dieser werte Graf vom Schloss Langenselbold ist nämlich eines Tages spurlos verschwunden. Und kaum war er weg, da tauchte dieser seltsame Hausierer mit den wässerigen Augen auf. Das ist doch komisch, oder?“

„Warum das komisch sein sollte, ist mir nicht klar“, bemerkte Mama trocken, aber wenn Papa drauf bestehe, dann finde sie es auch komisch.

Allerdings war das auch schon der einzige Zusammenhang mit dem alten Hausierer, mehr war beim besten Willen nicht zu finden gewesen.

„Nach Aussage von Wurzer, sei der Graf damals bei Nacht und Nebel verschwunden“. sagte Papa.

„Im Ort gingen die seltsamsten Gerüchte; einige behaupteten der Graf sei wegen einer Liebesaffäre nach Amerika abgehauen, für andere war er ein Spion gewesen und bei den Russen untergetaucht, wieder andere glaubten er hätte Juden während der Nazizeit denunziert und hätte sich nach Südamerika abgesetzt als man dahintergekommen ist und so weiter und so weiter; aber niemand wusste was Genaues“.

„Dabei wär’s für Rodenbach wichtig gewesen“, fuhr Papa fort.

„Und warum das?“

„Na ja, angeblich hat man ein Testament gefunden, in dem der Graf im Todesfall seinen gesamten Besitz den Gemeinden Rodenbach und Langenselbold vermacht“.

„Ist doch toll, mehr können sich doch die wunderbaren Rodenbacher gar nicht wünschen, oder“, meinte Mama spitz.

„Ja schon, leider hat die Sache aber einen Haken“

„Und der wäre?“

„Sein Tod muss amtlich bestätigt sein, andernfalls tritt das Testament nicht in Kraft“.

„Dumm gelaufen für die beiden Gemeinden und deren Bürgermeister“.

„Kann man sagen, denn so lange der Graf nur verschollen ist, haben die Gemeinden keinerlei Anspruch. Die ganze Sache ist so lange eine Hängepartie und alle sind sauer, sowohl die hochgräfliche Verwandtschaft, als auch die lieben Gemeindeväter! Die ohnehin eine mords Wut auf ihn hatten, da er wohl immer mal wieder versucht haben soll mit deren hübschen Töchtern anzubandeln“!

Das jetzt auch noch, dachte ich mir und wurde immer ärgerlicher. Die ganze Geschichte wurde immer blöder in meinen Augen.

Und Mama ging es wohl ähnlich. Sie sagte, sie könne sich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren; irgendwie gönne sie diese vertrackte Situation den beiden Gemeinden, denn hier passe alles so wunderbar zusammen! Echt gut sei das!

KH

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