Auf der Suche nach dem verlorenen Helmut.

Von six
2Kommentare

Helmut Kohl ist 80.

Aber was ist er sonst noch?

Das ist bei ihm offensichtlich nicht so einfach.

Nehmen wir die Würdigungen von zwei Medien,
die ihn aus der Flügelperspektive betrachten.

Einmal die der „ZEIT“ von der „linken Hamburger Mafia“
(so die Kohl-Einschätzung).

Einmal die des konservativen „Oberbayerischen Volksblatts“
mit der Stimme von Theo Waigel.

„Der Kanzler wäre ohne die Einheit nur Mittelmaß geblieben.“
„Er hat geerntet, was er nicht gesät hat.“
(ZEIT-Kommentare zur Einheit)
„Er hat nicht Grass gelesen“.
„Er hat nicht Böll gelesen“.
„Er hat nicht Goethe gelesen.“
(Walter-Kempowski-Interview mit Kohl im Auftrag der ZEIT).

„Er ist nicht so erfahren wie Adenauer.
Er ist nicht so väterlich wie Heuss.
Er ist nicht so ökonomisch wie Erhard.
Er ist nicht so wortgewaltig wie Strauss.
Er ist nicht so sprachgewandt wie Schmidt.
Er ist nicht so wortverliebt wie Barzel.
Er ist nicht so hanseatisch wie Carstens.
Und schon gar nicht so edel wie Weizsäcker“.
(Theo Waigel in seiner Laudatio auf Kohl –
Helmut Kohl hätte Glockengeläut verdient –
im „Oberbayerischen Volksblatt“.

Feind wie Freund beschreiben also Helmut Kohl
hauptsächlich über das, was er nicht leistete
und nicht war.

Wird ihm das gerecht?

Ich versuche mich an die 16 Jahre Regierungszeit
zu erinnern und benutze dafür die „Methode Marcel Proust“.

Marcel Proust konnte die Erinnerungen für sein gewaltiges
Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit einer
Madeleine (das ist ein französisches Gebäck) starten.

Ich habe dazu einen Pfälzer Saumagen verwendet.

Und es half.

Ich erinnerte mich, dass Kohl selbst auf der Suche nach
und dem Erhalt der verlorenen Zeit war.

Die erfolgreichen Jahre des Wirschaftswunders.
Die wollte er festhalten.

Die heraufdämmernde Globalisierung, verbunden mit
dem dadurch entstehenden, neuen Wettbewerbsdruck,
mit der gleichzeitigen Saturierung und Überalterung
der deutschen Gesellschaft, wollte er nicht wahrhaben.

Das hat mir damals nicht gefallen.
Und gefällt mir heute noch nicht.

Aber es ist sehr, sehr menschlich.
Vielleicht ist das seine herausragende Eigenschaft.

Ohne nicht und aber.

SIX

2 Antworten

  1. Sehr bemerkenswerter Beitrag, der eigentlich eine Lawine von Kommentaren auslösen müsste. Leider sind die Federn und Geister der IF-blog Leser wohl nicht so flink und wendig wie die Schreibe von Detlev.

    Mir gefällt hier besonders die Dramaturgie. Es fängt an wie eine gnadenlose Verreisse und endet fast mit einer Laudatio. An einem dieser Extreme Stellung zu beziehen sollte dem Leser schwerfallen.

    Ich rufe : „Bravo“… für Detlev.

  2. Jetzt weiß ich endlich, wie das mit der verlorenen Heimat zu verstehen ist 😉

    RMD

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