Mord – aber bitte hygienisch!

Carl und Gerlinde (Folge 66)

Ja – Carl litt unter der Pandemie! Dabei gehörte er zu jenen, die sich definitiv keine Sorgen um den Arbeitsplatz machen mussten. Im Gegenteil, da es ihm gelang bei TRIGA das gesamte Trikotagengeschäft in kürzester Zeit vollkommen geräuschlos auf die Produktion von Schutzmasken umzustellen, hätte er mehr als zufrieden sein können. Wurde er doch für diese Meisterleistung von allen Seiten mit Lob überschüttet: angefangen von der Konzernleitung und der Geschäftsführung, samt Dr. Osterkorn und Frau Braun, sowie von nahezu allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis hin zum Betriebsrat und Hannes Spahn an der Pforte! Wann war ihm derartiges schon einmal widerfahren in seinem nicht mehr ganz so jungen Arbeitsleben? Noch nie…

Aber nein – Carl war nicht zufrieden! Weder mit sich noch seinem Umfeld, noch mit der Entwicklung im Land und der Welt und schon gar nicht mit seiner Gerlinde, die er im Rahmen seiner emotionalen Möglichkeiten doch immer noch mehr als alles andere liebte!

Trotzdem – statt gelassener Zufriedenheit oder gar Freude hatte sich bei ihm seit dieser Corona-Pandemie eine unerklärliche Unruhe eingenistet, die ihn nicht mehr los ließ und die letztlich auch der Grund war, dass er privat kaum mehr zu genießen war, sich ständig überfordert fühlte und mit Gerlinde über jede Kleinigkeit in Streit geriet oder mindestens in einen unangenehmen Wortwechsel, den er regelmäßig später bereute.

Aber vielleicht war ja bei seiner Gerlinde zu einem Gutteil auch der Altersunterschied die Ursache für die gegenwärtig schlechte Stimmung in ihrem Zusammenleben: schließlich waren15 Jahre Unterschied keine Bagatelle! Und vermutlich erklärten die auch, warum Gerlinde Vieles, was Carl in Sachen Corona aufregte und ärgerte, wenn er abends ausgelaugt und gereizt heim kam, im wahrsten Sinn des Wortes an ihrem hübschen Arsch vorbei ging.

Unter diesen Umständen war auch verständlich, warum mit fortlaufender Dauer dieser Corona – Kacke, Carl immer häufiger gleich am Rande eines Wutanfalls war, wenn irgend etwas nicht nach seinen Vorstellungen ablief. Insbesondere wenn sich das allabendliche, gut gekühlte Fläschchen ‚Grüner Veltliner‘ dem Ende zuneigt und sein liebes Gerlindchen mit fast schon böser Regelmäßigkeit dieses Fläschchen schnappte und beiseite schaffte. Natürlich nie ohne ihr spitzbübisches Lächeln und der Bemerkung, dass dies bloß eine vorsorgliche Schutzmaßnahme wäre…

„Wen willst du denn schützen“, knurrte Carl dann schon mal, wohl selbst überrascht, dass er überhaupt noch etwas sagte, „dich oder mich“?

„Wahrscheinlich uns beide.“

„Glaubst du denn wirklich, dass ich dir etwas antun könnte?“

„Weiß man‘s? Du als passionierter Krimi-Gucker, solltest doch wissen, dass letztlich alles möglich ist – auch, oder gerade in Partnerschaften!“

„Überhaupt wenn einer permanent zu viel inhaliert hat, wie ich, meinst du wohl?“

„Und von mir ständig gereizt wird“, ergänzte sie keck.

„Da ist etwas Wahres dran“, schmollte Carl und nuckelte mit Bedacht am letzten ‚goldenen Rest‘ in seinem Glas…

Aber dieser Rest war immer öfter kein richtiger Genuss mehr, da sich Carl häufig von Gerlinde irgendwie durchschaut fühlte, wenn sie beispielsweise wie heute die Flasche lachend austrank und sagte „übrigens Carl, bevor du dich jetzt irgendwelchen kruden Phantasien überlässt, wie seinerzeit mit Hannelore in der Frankfurter Oper bei „Othello“ /1/, muss ich dir leider noch etwas flüstern, was dich arg enttäuschen wird…“

„Und was wäre das?“ fragte Carl gereizt.

„Na ja es ist etwas, was mir vor etwa einer Stunde dein Freund Manfred, dieser Film – Fuzzy, berichtet hat, als er dich sprechen wollte und du noch nicht da warst…“

„Mach es doch nicht so spannend, Gerlinde, raus mit der Sprache!“

„Also Manfred meinte, ich soll dir sagen, dass du dich in Zukunft bei deinen ‚Krimi-Orgien‘ schwer umstellen wirst müssen: all die schönen Dinge, wie ‚Würgen‘, ‚in die Goschen hauen‘ und ‚Abstechen‘ sind nämlich neuerdings nicht mehr angesagt in diesen Filmen! In Zukunft müssten auch beim Morden und gewalttätig werde voll die Hygienevorschriften eingehalten werden – was vor allem Abstand halten bedeutete und natürlich beim Würgen, Zustechen und Bauch aufschlitzen nur schwerlich einzuhalten ist! So dass zukünftig, meint Manfred, in Kriminalfilmen und bei sonstigen Gewaltdarstellungen viel, viel mehr geschossen würde, als in der Vergangenheit…“

„Stopp Gerlinde! – was letztlich ja ein weiterer Beweis dafür wäre, dass hinter dieser ganzen Pandemie nicht nur Bill Gates steckt, sondern wieder einmal auch die amerikanische Waffenlobby “, fuhr Carl triumphierend Gerlinde in die Parade.

„Unsinn, Carl! Aber vor allem muss laut Manfred in Filmen aktuell so gemordet werden, dass sowohl der Mörder als auch das Opfer in keinem Fall dem Corona Virus ausgesetzt sind“…

„Irgendwie pervers? Oder?“

„Ja schon! Und vor allem Jammerschade für alle Freunde des Würgens und Messerstechens, die dadurch keinerlei Möglichkeit mehr haben, bei gruseligen Verbrechen und Gewalttaten ihre versteckten Aggressionen abzuarbeiten,“ warf Gerlinde hinterhältig ein.

„ Ha- ha! – ich weiß schon, wen du da im Visier hast!“ ätzte Carl, ohne sie anzuschauen.

„Schlimm,gell – durch diese Einschränkung beim Morden macht ja dieses unsägliche Virus nicht einmal vor Deutschlands Allerheiligstem, dem ,Sonntag abendlichem Tatort‘, halt! übel ist das, wirklich übel,“ stöhnte Gerlinde gekünstelt, und entfleuchte in die Küche, da sie plötzlich selbst spürte, dass sie ihren armen Carl an diesem Abend genug gepiesackt hatte…

K.H.

/1/https://www.if-blog.de/kh/otello-und-die-lust-zu-wurgen/

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