Archäologischer Wettlauf…

Carl und Gerlinde (72)

Irgendwie komisch war das schon? Nicht nur, dass Hannelore, neuerdings immer öfter von einem ‚goldigen Fossil‘ sprach, wenn sie ihren Kurt meinte, da dieser nach ihren Aussagen von Monat zu Monat behäbiger und bequemer wurde, sondern dass sie plötzlich generell im Zusammenhang mit älteren Männern von ‚fortschreitender Fossilisierung’ faselte, die sie immer öfter beobachte.

Ohne dass Carl wusste wo Hannelore diesen Begriff aufgeschnappt hatte, riet er ihr dennoch damit sparsam umzugehen: sonst könnte sie vielleicht völlig ungewollt, die eine oder andere Raubgräberin auf ihren ‚archäologischen Schatz‘ aufmerksam machen. Und ehe sie sich versah könnte ihr liebenswertes ‚Fossil Kurt‘, schneller als es ihr lieb wäre, von einer diesen arglistigen Räuberinnen weggebaggert werden. Und ob sie darüber, in ihrem doch schon etwas fortgeschritteneren jugendlichen Alter gar so glücklich wäre, wage er zu bezweifeln?

Natürlich verzog Hannelore bei derartigen Anmerkungen, leicht eingeschnappt, stets ihr hübsch geschminktes Mäulchen und verwies auch seit einiger Zeit mit penetranter Regelmäßigkeit stets auf Gerlinde, die Carl dann ebenso zurechtweisen müsste, da diese auch nur mehr über geheimnisvolle fossile Funde und Ausgrabungsabenteuer quassle.

Da stimme er ihr sogar sofort zu, sagte Carl: ihn nerven diese Fossilen-Stories und allabendlichen Ausgrabungsgeschichten seiner Gerlinde auch immer mehr, er wage aber noch nicht ihr das zu sagen, da sie darin so voll aufgehe, alles unendlich spannend fände und jedes Mal sehr empfindlich reagierte, wenn er sie zu stoppen versuchte.

Naja – meinte Hannelore einlenkend –  man müsse ja zugeben, dass das schon eine ganz spezielle Situation sei, wenn plötzlich wie aus dem Nichts unweit vom eigenen Haus im Zusammenhang mit einem Neubaugebiet, ein 25 ha großes Ausgrabungsfeld auftauche, auf dem fast beliebig herumgeschnüffelt werden könne und über das praktisch täglich die Presse berichte; angeführt von einer namhaften Archäologin, die es blendend verstehe ihre tausendjährigen Objekte in hanebüchene Meldungen über Horden von Raubgräber einzubetten, ergänzte Carl.

Und wie man hört, habe man ja wohl wirklich erstaunliche Schmuckstücke, Tonscherben mit Verzierungswülsten und sogar Leichenbrandstellen aus dem 3.Bronzezeitabschnitt (2200- 800 v. Chr.) gefunden.

Mit großer Wahrscheinlichkeit muss hier tatsächlich eine Art Ansiedlung mit Friedhof gewesen sein. Leider hätten aber diese Raubgräber die meisten Funde gleich kassiert, wie man liest und hört, obwohl die Fundstellen bestens gesichert waren. Drum müsste auch immer noch weiter gebuddelt werden, sonst wären die bisherigen Arbeitsstunden alle umsonst gewesen, was laut Gerlinde enorme Zusatzkosten verursache und ihr spätestens bei dem Wort ‚Kosten‘, die üblichen nervösen roten Flecken auf ihr Hälschen trieb, die sie für den Rest des Abends ungenießbar machten, klagte Carl, der eigentlich nur in Ruhe seine zwei, drei Biere trinken wollte.

Aber das sei ja auch wirklich aufregend, wenn so etwas ein paar hundert Meter entfernt passiere, säuselte Hannelore, um Carl zu beruhigen und ihn vielleicht doch noch dazu zu bringen ihr ein zweites Bierchen zu bringen, nachdem sie ihn nun schon ohne jede Vorwarnung an diesem Abend daheim überfallen hatte –  und Gerlinde immer noch nicht auftauchte…

Aber Carl ließ sich nicht beruhigen: im Gegenteil er begann plötzlich mit dem rechten Bein zu wippen, was nichts Gutes verhieß, und gebannt vor sich hinzustarren. Und als Hannelore endlich ihn anzuschubsen wagte, schien er wie aus einem Traum zu erwachen: er schüttelte sich, blickte sie erstaunt an, fuhr sich zweimal mit der rechten Hand durch die Haare und sagte mit belegter Stimme, er sehe da noch eine ganz andere Gefahr!

Durch diese abenteuerlichen Ausgrabungen, die unsägliche Raubgräberei und den Presserummel könnte nach dem ganzen Corona Kram, ausgelöst durch die Medien, eine vollkommen ‚neue Welle‘ über uns hereinbrechen: nämlich diesmal eine archäologische Welle‘!

Und zwar dergestalt, dass nach den spektakulären Funden im hessischen Rodenbach sich der Nachbarort Langenselbold auch plötzlich genötigt sieht ein Neubaugebiet auszuweisen, bei dem nach Artenschutzprüfung und Kampfmittelräumung ebenfalls archäologische Untersuchungen durchgeführt werden, da in dieser Gegend schon immer eine Steinzeitsiedlung vermutet worden war!

Und natürlich darf dann Bruchköbel nicht nachstehen, sondern müsse nach dem gleichen Prozedere plötzlich sofort ganz gezielt und wissenschaftlich begleitet nach einem „Homo Bruchköbelensis“ suchen – und buddeln!

Und wehe, wenn Herr Söder in Bayern von diesen drei hessischen archäologischen Programmen Wind bekäme! Da wäre doch für einen Macher wie ihn sofort klar, was zu tun sei: bestimmt ließe er in einem üppig dotierten Sofortprogramm mit höchster Dringlichkeitsstufe, das kleine Städtchen Kahl an der Grenze zu Hessen, in dem bereits das erste Kernkraftwerk Deutschlands gebaut, betrieben und stillgelegt worden war, auf die dreifache Größe aufblasen und im Rahmen dieses Zukunftsprojektes ebenfalls archäologische Untersuchungen durchführen – aber ordentliche!

Bei denen nicht wie in Hessen gekleckert, sondern bayrisch geklotzt würde und man von Anfang an, fokussiert und mit klaren planerischen Vorgaben, nach den Gebeinen von Adam und Eva suchte…

Wonach denn sonst –  im katholischen Bayern! Und gegraben wird bis die Knochen vorliegen – also vor ihm, Söder, liegen!

Doch falls dieses ehrgeizige Grabungsziel widererwarten selbst bis zum Erdmittelpunkt nicht erreicht werden sollte – dann ginge es halt nach 6300 Kilometer um diesen ‚nicht bayrischen Mittelpunkt‘ herum –   und weiter bis nach Australien, wenn’s denn sein müsste!

Und sollten dann immer noch keine Knochen auftauchen, dann würde in dieses ‚längliche Wurmloch durch den Planeten‘ selbstverständlich eine Gasleitung gelegt –  für ‚tiefgrünen Wasserstoff‘! Klaro! Und zwar Wasserstoff, nachhaltig durch die australische Sonne und den pazifischen Wind erzeugt!

„Und Nordstream 2 braucht dann wirklich keiner mehr“, würde gut gelaunt der Macher Söder zum säuerlichen Herrn Schröder bei einer zünftigen Maß Bier – vorsorglich natürlich bereits beim ersten Spatenstich für das Wurmloch sagen –  und ihm fröhlich zuprosten!

Spätestens an dieser Stelle der biergetränkten Zukunftsvision Carls überlegte Hannelore, ob sie jetzt lieber heimgehen, oder sich doch noch schnell selbst das ersehnte zweite Bier holen sollte?

Sie entschied sich für letzteres, da die liebe Gerlinde immer noch nicht erschienen war, und ihr ‚goldiges Fossil Kurt‘ daheim bestimmt schon vor dem abendlichen ‚Tatort‘ schnarchte…

 KH

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