Keine Angst! Ich habe nicht vor, meine persönliche Irrfahrt zu beschreiben. Viel mehr geht es um die Irrfahrt eines Helden der Antike. Von Homer für die Ewigkeit geschrieben. Und ein Teil des kulturellen Erbes unserer europäischen Zivilisation
Denn vorgestern war ich im Kino. Dienstag ist Kinotag in den Kinos in Ottobrunn. Und da ich sparsam bin, nutze ich gerne die an diesem Tag günstigeren Preise. Und wenn ein monumentales Action-Epos wie „Die Odyssee“ (Originaltitel: The Odyssey) von Regisseur Christopher Nolan in den Kinos läuft (seit dem 16. Juli 2026), dann nutze ich gerne das Angebot. Und bin auch mit der alten Technik der Vorführung in Ottobrunn zufrieden.
Zuerst mach ich mich schlau – unterstützt von Gemini (AI) – über das Werk Homers und den dazugehörigen Film. Denn ich war auf einem naturwissenschaftlichen und fremdsprachlichen Gymnasium (Jakob Fugger in Augsburg) und da war kein Platz für Griechisch und Homer. Aber die Barbara war in einer humanistischen Schule und ihr Bruder kann den Homer immer noch auswendig auf altgriechisch deklamieren. So haben wir eine familiäre Beziehung.
Ich beginn mit ein paar recherchierten Informationen zum Thema und dem Film.
Informationen zum Film
Nolan verfilmt darin das klassische Epos von Homer über die beschwerliche, jahrelange Heimreise des griechischen Helden Odysseus nach dem Trojanischen Krieg. Der Film sorgt derzeit für viel Gesprächsstoff.
Was das Projekt besonders macht
Der Star-Cast: Die Besetzung ist hochkarätig. Matt Damon übernimmt die Hauptrolle als Odysseus. An seiner Seite spielen unter anderem Tom Holland (als sein Sohn Telemachos), Anne Hathaway, Zendaya, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o und Charlize Theron.
Reine IMAX-Technik
Nolan hat den Film als allererstes Epos komplett mit originalen IMAX-Kameras gedreht – ohne die sonst üblichen Formatwechsel, was für ein durchgehend gigantisches und immens scharfes Kinobild sorgt.
Praktische Effekte statt Exzess-CGI: Wie für Nolan typisch wurde extrem viel an echten Schauplätzen gedreht (u. a. auf Sturmfahrten auf dem Meer in Schottland sowie in Marokko, Italien und Griechenland), was dem antiken Stimmungsbild eine wuchtige, physische Realität verleiht.
Die Publikumsreaktionen
Die Meinungen fallen teils recht unterschiedlich aus:
Lob für Handwerk & Bilder: Kritiker und Filmbegeisterte schwärmen von der visuellen Wucht, den Sets und der ruhigen, fast klassischen Kameraführung, die sich stark von hektischen modernen Blockbustern abhebt.
Diskussionen um die Dramaturgie
Da Homers Vorlage episodenhaft aufgebaut ist (verschiedene Inseln, Ungeheuer, Götterprüfungen), empfinden manche Zuschauer die Handlung im Mittelteil als etwas stückweise zusammengesetzt oder langatmig.
Meine Motivation:
Ich hatte gehört, dass die von mir so oft besuchte griechische Halbinsel Peloponnes im Film zur großen Kulisse wurde. Und die mir vom eigenen Ansehen gut bekannten Schauplätze wie Methoni wollte ich gerne mal im Kino sehen.
Mein erster Eindruck:
Nolans Odyssee bietet reichlich Material für eine tiefere Auseinandersetzung – so geht mein Beitrag weit über eine reine Filmkritik hinaus.
Bei diesem Film stoßen völlig unterschiedliche Welten aufeinander: der antike Mythos, die moderne Hollywood-Inszenierung und Nolans typische Faszination für Zeit, Naturmächte und menschliche Obsessionen. Besonders auch die Natur- und Elementargewalten: Die physische Wucht der Natur (das unberechenbare Meer, die Urgewalten) im Kontrast zum menschlichen Überlebenswillen.
Mythos vs. Realismus:
Wie Nolan das Fantastische und die Götterwelt in eine sehr geerdete, fast archaisch-historische Realität übersetzt, das hat mich begeistert. Es geht um die Heimkehr: Odysseus’ jahrelange Entfremdung, die Entbehrungen der Reise und was „Heimkommen“ nach einer Odyssee bedeutet.
Gewalt
Ich stelle mir die Frage, ob der Film nicht zu viel Gewalt enthält? Ich fühle mich ja als Pazifist, die Dominanz der Gewaltszenen stört mich so.
Aber dass ein Film gleichzeitig brutal/gewaltsam und pazifistisch/ethisch wirkt, ist wohl nur auf dem ersten Blick ein Widerspruch. Oft entfaltet eine Antikriegs- oder Friedensbotschaft durch die ungeschönte Darstellung von Gewalt ihre echte Wirkung.
Ich versuche Gewalt nicht als Spektakel sondern nur als Grausamkeit wahr zunehmen. Weiss ich doch, dass in vielen modernen Blockbustern Gewalt ästhetisiert oder inszeniert wird. Wenn Nolan die Gewalt in der Odyssee roh, physisch und schmerzhaft zeigt, nimmt er ihr den Mythos des „glorreichen Heldenkampfes“. Weil die Brutalität nicht der Ergötzung des Publikums dient, sondern den realen Preis von Krieg und Zerstörung erfahrbar machen soll.
Eine Lehre könnte sein, dass Pazifismus keine edle Tugend an sich sondern nur eine Folge der Erschöpfung ist. Der Odysseus des Nolan ist kein Held, der aus Abenteuerlust weiter kämpft, sondern ein Mann, der nach zehn Jahren Krieg in Troja einfach nur nach Hause will. Jede weitere seiner Gewalttaten auf der Heimreise ist kein Triumph, sondern eine Tragödie und ein weiteres Verschleppen des Friedens. Der Film zeigt Gewalt womöglich nicht als Lösung, sondern als eine Spirale, die das Menschliche im Menschen zersetzt. Pazifismus nur als Ergebnis von Erschöpfung.
Homers Epos ist voll von moralischen Grenzentscheidungen (das Opfer von Gefährten, Rache an den Freiern, der Umgang mit dem Fremden). Ethik und Verantwortung befinden sich fortwährend im Ausnahmezustand.
Indem der Film diese ethischen Konflikte spürbar macht, stellt er uns die Frage: Was bleibt von unserer Humanität übrig, wenn wir im Überlebensmodus sind? Vielleicht ist das der Fokus des Films?
Es war ein beeindruckender Film-Abend. Ich bin froh, dass ich ihn gemeinsam mit Barbara erleben durfte.
RMD


