… in unserer Gesellschaft
Ratlosigkeit hat sich meiner bemächtigt. Weil ich der Meinung bin, dass jede Gesellschaft einen Konsens finden muss, wie sie weiterleben soll und will. Denn ein zurück in eine der Vergangenheiten ist nur schwer vorstellbar.
Wie können Menschen – und die Menschheit – den globalen Herausforderungen des biologischen Lebens im Rahmen einer vernünftigen Zivilisation begegnen?
Ich habe den Eindruck, dass das es in der Vergangenheit auch nicht einfach war. Aber bisher hat es – irgendwie – funktioniert.
Jetzt scheint sich die Komplexität so erhöht zu haben, dass es wohl immer schwieriger wird. Die Welt wird global, gleichzeitig polarisiert sich sich und treibt auseinander. Und die Menschheit erscheint weltweit total überfordert zu sein. Ein Rückfall in vergangen geglaubte schwarze Zeiten scheint immer wahrscheinlicher.
Glücklicherweise haben wir den technischen Fortschritt. Er heißt heute KI.
Deswegen habe ich Fragen gestellt:
- Was ist eigentlich los?
- Kann man noch von bewußter und zielführender Gestaltung sprechen?
(als Ziel lege ich fest:
Eine humane Gesellschaft, die ein Leben in Frieden und Freiheit ermöglicht!) - Wie legen wir die Prinzipien für die Gestaltung unserer Gesellschaft fest?
So kamen wir, „I“ und „G“ (I steht für Ich, G steht für gemini) in den folgenden Dialog zu Themen wie „Gestaltung“ und „Gesellschaftlicher Konsens“.
Meine erste Frage war:
Wie entsteht gesellschaftlicher Konsens?
Antwort G:
Wenn wir uns anschauen, wo und wie heute gesellschaftlicher Konsens entsteht – oder eben auch nicht mehr entsteht – lässt sich das nicht mehr an einer Handvoll traditioneller Leitmedien festmachen. Die Digitalisierung hat die Arena komplett fragmentiert.
Für das Entstehen eines Konsenses braucht es im Kern drei Dinge: Reichweite, Diskursqualität (echten Austausch über Meinungsverschiedenheiten hinweg) und Vertrauen.
Heute teilen sich verschiedene Plattform-Typen diese Aufgaben, wobei kaum noch eine alle drei Kriterien erfüllt.
1. Die klassischen Massenmedien (Die schrumpfende Klammer)
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, überregionale Tageszeitungen (FAZ, SZ, Zeit, Spiegel) und große Nachrichtenagenturen.
Ihre Rolle für den Konsens: Sie bilden nach wie vor die gemeinsame Faktenbasis. Wenn hier ein Thema verhandelt wird, hat es Relevanz im politischen Raum. Sie schaffen einen „Mindestkonsens“ darüber, worüber die Gesellschaft überhaupt spricht (Agenda Setting).
Das Problem: Ihre Reichweite schwindet in jüngeren Generationen, das Vertrauen wird von den Rändern her systematisch untergraben.
2. Microblogging & Kurznachrichten (Die Eliten- & Erregungsarenen)
Plattformen wie X (ehemals Twitter), BlueSky oder Mastodon.
Rolle für den Konsens: Hier findet kein breiter Konsens statt, aber hier treffen Politik, Journalismus und Wissenschaft direkt aufeinander. Themen werden hier „vor-verhandelt“ oder skandalisiert, bevor sie in den Massenmedien landen. Fefes Blog, den du erwähnt hast, ist im Grunde ein Satellit dieses Ökosystems – er filtert und kommentiert diese Arena für seine Blase.
Das Problem: Extrem anfällig für Polarisierung, Algorithmen belohnen Empörung statt Konsens.
3. Algorithmische Content-Netzwerke (Die emotionalen Echokammern)
Plattformen wie TikTok, Instagram (Reels) und YouTube.
Rolle für den Konsens: Sie formen den kulturellen und emotionalen Konsens, insbesondere bei Jüngeren. Politische Meinungsbildung geschieht hier nicht über das Argument, sondern über Identifikation, Storytelling und parasoziale Beziehungen zu Creatoren.
Das Problem: Totale Fragmentierung. Der Algorithmus sorgt dafür, dass Gruppe A und Gruppe B in völlig unterschiedlichen Realitäten leben. Ein gesamtgesellschaftlicher Konsens wird hierdurch massiv erschwert.
4. Aggregatoren & Diskussionsforen (Die thematischen Tiefenbohrer)
Plattformen wie Reddit oder spezialisierte Foren.
Rolle für den Konsens: Durch Upvote/Downvote-Systeme und Moderation entsteht hier oft ein sehr starker Konsens innerhalb einer Community (z.B. zu Tech-Themen, Finanzen oder Politik). Die Diskussionen sind oft tiefer und sachlicher als auf X oder TikTok.
Das Problem: Sie sind stark segmentiert (Subreddits). Sie schaffen Konsens im Kleinen, tragen aber selten zur Brückenbildung im Großen bei.
5. Messenger-Infrastrukturen (Der unsichtbare Diskurs)
WhatsApp-Gruppen, Telegram-Kanäle, Signal.
Rolle für den Konsens: Der „Dark Social“-Bereich. Hier wird Meinung im privaten Kreis, in der Familie oder im lokalen Verein konsolidiert. Vertrauen ist hier extrem hoch, weil man die Absender kennt.
Das Problem: Völlig unmoderiert und von außen unsichtbar. Wenn sich hier radikale Scheinkonsense bilden (z.B. in verschwörungstheoretischen Telegram-Kanälen), sind sie für den rationalen gesellschaftlichen Diskurs kaum noch erreichbar.
Das Paradoxon unserer Zeit: Wir haben so viele Plattformen wie noch nie, um uns auszutauschen, aber das macht den großen Konsens schwerer. Früher gab es wenige Kanäle, die fast alle erreichten (hoher Konsensdruck, wenig Vielfalt). Heute haben wir maximale Vielfalt, aber die gemeinsame Mitte – die Plattform, auf der sich alle Parteien auf Augenhöhe begegnen und einigen – fehlt.
MEINE ANMERKUNG:
Hier fehlen die alte und neue Zünfte (wie das LinkedIn der Manager).
Wenn ich auf die aktuelle Landschaft blicke, gilt allgemein:
Können wir überhaupt noch einen Konsens über digitale Plattformen herstellen, solange diese profitorientiert orientiert und auf „Aufmerksamkeit durch Empörung“ optimiert sind?
Und was bedeutet es, dass
einige wenige HighTech-Giganten (Milliardäre) die Arena beherrschen?
Meine nächste Frage:
Vielleicht sind Re:publica und CCC die neuen Plattformen für Konsensbildung?
Antwort G:
Das ist eine berechtigter Einwand, der den Blick von den rein digitalen, oft zersplitternden Plattformen hin zu physischen und strukturierten Begegnungsräumen lenkt.
Sowohl die re:publica als auch der Chaos Communication Congress (CCC) – oder die regionalen Events des Chaos Computer Clubs – spielen eine Sonderrolle. Sie schaffen genau das, was den klassischen sozialen Medien völlig abhandengekommen ist: einen geschützten, aber hochgradig pluralistischen Raum für echten, tiefen Diskurs.
Interessanterweise funktionieren die beiden Plattformen auf ganz unterschiedliche Weise als Konsensmaschinen:
1. Der CCC: Konsens durch Sachlichkeit und Ethik
Der CCC ist im Kern eine Wertegemeinschaft mit einem extrem starken, über Jahrzehnte gereiften ethischen Fundament (Hackerethik).
Wie hier Konsens entsteht: Nicht über politische Kompromisse, sondern über die unerbittliche Orientierung an Fakten, Code und gesellschaftlicher Verantwortung. Wenn die „Hackerehre“ oder der CCC-Konsens feststellt, dass ein staatliches Digitalprojekt (wie z. B. die elektronische Patientenakte oder Wahlcomputer) unsicher oder bürgerfeindlich ist, dann hat das ein Gewicht, das weit über die Tech-Szene hinausreicht.
Die Brückenfunktion: Der CCC schafft es, Technik mit Geisteswissenschaften, Philosophie und Aktivismus zu verknüpfen. Das ist kein Ort für oberflächliche Parolen; man muss sein Argument technisch oder logisch untermauern.
2. Die re:publica: Der analoge Marktplatz der digitalen Gesellschaft
Die re:publica (die übrigens genau in diesen Tagen im Mai wieder stattfindet) ist das genaue Gegenteil einer filterblasen-optimierten App. Sie wirft bewusst die unterschiedlichsten Akteure in einen Topf.
Wie hier Konsens entsteht: Durch die erzwungene physische Begegnung. Da diskutiert die Aktivistin von Netzpolitik.org mit dem Intendanten von ARD oder ZDF, der Whistleblower mit der Bundesministerin, und der Netzphilosoph mit dem IT-Unternehmer.
Das Bällebad-Prinzip:
Weil das Umfeld informell, kreativ und offen ist, verlässt man die starren Schützengräben des alltäglichen Polit-Betriebs. Man hört sich wieder zu. Hier wird verhandelt, wie wir als Gesellschaft mit dem digitalen Wandel umgehen wollen – jenseits von reinem Silicon-Valley-Kommerz oder reiner Staatsgläubigkeit.
Der entscheidende Unterschied zu Social Media:
Bei Instagram, X oder TikTok bestimmt ein profitorientierter Algorithmus, was wir sehen. Er belohnt das Trennende, weil Empörung Klicks bringt.
Bei der re:publica oder dem CCC bestimmt ein Kuratorium aus Menschen (und die Dynamik des echten Lebens) das Programm. Das Ziel ist nicht die Maximierung der Verweildauer durch Wut, sondern der Erkenntnisgewinn. Man kann sich dem Andersdenkenden im echten Raum nicht einfach per „Block-Button“ entziehen. Man muss ihn aushalten – und das ist die Grundvoraussetzung für jeden Konsens.
Diese Events zeigen: Wir brauchen das Physische, um das Digitale zu heilen.
Allerdings bleibt ein Wermutstropfen:
Beide Veranstaltungen sind trotz ihrer Relevanz immer noch Nischen (auch wenn die re:publica mittlerweile zehntausende Menschen anzieht). Sie erreichen vor allem eine ohnehin schon sensibilisierte, meist akademische und urbane Schicht.
Nachfrage:
Was ist das zentrale Thema bei der Re:publica
Antwort G:
Das übergeordnete, verbindende Thema aller re:publica-Veranstaltungen lässt sich in einer Kernformel zusammenfassen:
Das Spannungsfeld zwischen digitaler Technologie, Politik und der Zivilgesellschaft.
Sie versteht sich selbst nicht als reine Tech- oder IT-Messe, sondern als „Festival für die digitale Gesellschaft“. Während sich die jährlichen Leitmottos ändern – von „TL;DR“ (Debattenkultur) über „CASH“ (Geldströme), „Who cares“ (Care-Arbeit) bis hin zum aktuellen Motto „Never Gonna Give You Up“ (2026 Sicherung von Demokratie und offenem Netz) –, bleibt der rote Faden über die Jahre hinweg immer derselbe.
Dieses fundamentale Thema gliedert sich in drei tragende Säulen:
1. Digitale Souveränität und die Macht der Plattformen
Ein wiederkehrender Schwerpunkt ist die Kritik an der Machtkonzentration weniger Tech-Giganten. Es geht um die Frage, wie sich die Zivilgesellschaft, die Politik und der Einzelne die Unabhängigkeit im Netz bewahren oder zurückholen können („Reclaim the digital future“). Themen wie Open Source, gemeinwohl-orientierte Datenpolitik und der Schutz digitaler Grundrechte ziehen sich durch fast jede Session.
2. Technologie als Spiegel und Hebel gesellschaftlicher Krisen
Die re:publica verhandelt Technologie nie isoliert, sondern immer als Verstärker oder Werkzeug für reale gesellschaftliche Prozesse. Wie verändert KI unsere Arbeitswelt? Wie beeinflussen Algorithmen politische Wahlen, den Klimadiskurs oder die Spaltung der Gesellschaft? Technologie wird hier konsequent als Gestaltungsaufgabe für die gesamte Öffentlichkeit begriffen, nicht als reines Spielfeld für Entwickler.
3. Demokratische Netzkultur und digitaler Humanismus
Der Ursprung der re:publica liegt in der frühen Blogger-Szene (gegründet 2007 unter anderem von Markus Beckedahl und Andreas Gebhard). Bis heute bildet die Verteidigung eines freien, zugänglichen und emanzipatorischen Internets den moralischen Kompass der Veranstaltung. Diskutiert wird, wie digitale Räume gestaltet sein müssen, um Hass im Netz abzuwehren, Vielfalt zu fördern und einen rationalen, demokratischen Diskurs zu ermöglichen.
Im Kern geht es der re:publica also um die Frage: In welcher digitalen Welt wollen wir leben – und wie verhindern wir, dass technologische Entwicklungen die demokratische Zivilgesellschaft untergraben, anstatt sie zu stärken? Dazu gehört auch die Bewertung der Rolle der Tech-Giganten.
Nächste Frage:
Spielen Veranstaltungen wie der Katholikentag noch eine Rolle?
Antwort G:
Diese Frage bringt den tiefen Strukturwandel unserer Gesellschaft auf den Punkt. Der Bedeutungsverlust von Veranstaltungen wie dem Katholikentag (oder auch dem Evangelischen Kirchentag) zeigt exemplarisch, wie die alten, großen „Konsensmaschinen“ der Bundesrepublik weg brechen.
Früher waren diese religiösen Großereignisse echte gesellschaftliche Ankerpunkte. Sie waren keine reinen Glaubensfeste, sondern Foren der moralischen und politischen Selbstvergewisserung der Nation. Da saßen Bundeskanzler, Gewerkschaftsbosse, Wirtschaftsführer und Intellektuelle auf den Podien, um über Gerechtigkeit, Frieden und die Zukunft des Landes zu streiten. Der Konsens, der dort verhandelt wurde, strahlte über die Kirchenbänke hinaus tief in die gesamte Gesellschaft, weil die Kirchen als Institutionen fast alle Milieus klammerten.
Heute ist diese Relevanz weitgehend erodiert – und das liegt an einer doppelten Entfremdung:
Der Verlust der Klammer: Durch den rasanten Relevanzverlust der Volkskirchen (getrieben durch Säkularisierung und die tiefen institutionellen Krisen) erreichen diese Tage fast nur noch ein schrumpfendes, innerkirchliches Stammpublikum. Sie haben ihre Bindungskraft in die Breite der Gesellschaft verloren. Die neue Kirche setzt auf die spirituelle Kraft von „charismatischen Erneuerungsbewegungen“ mit kommerziellem Charakter.
Die Verschiebung der moralischen Leitwährungen:
Die Fragen, die früher dort verhandelt wurden, haben heute oft neue, säkulare Heimatorte gefunden. Wer heute über Ethik der Digitalisierung, Klimagerechtigkeit, Postkapitalismus oder Diversität streiten will, geht eben nicht mehr zum Katholikentag, sondern zur re:publica, zum CCC oder auf spezifische Nachhaltigkeits-Festivals.
Vom „Glaubens-Konsens“ zum „Zukunft-Konsens“
Es findet eine Wachablösung statt: Die alten Foren basierten auf einer gemeinsamen Tradition (dem christlichen Menschenbild), die neuen Foren wie re:publica oder CCC basieren auf einer gemeinsamen Herausforderung (der Gestaltung der digitalen und ökologischen Transformation).
Das eigentliche Problem, das dein „Ich weiß es nicht“ so gut einfängt, ist aber das Vakuum, das dadurch entsteht.
Veranstaltungen wie der CCC oder die re:publica sind zwar hochrelevant für die Avantgarde, die die Zukunft gestaltet. Aber sie sind (bisher) kein vollwertiger Ersatz für die alten Volkskirchen-Tage, weil sie ein entscheidendes Merkmal nicht haben: Sie sind nicht milieuübergreifend. Sie integrieren nicht den Handwerker, die Rentnerin vom Land und den Tech-Unternehmer an einem Tisch. Sie bilden eine neue, eigene Blase – eine sehr progressive, aufgeklärte und technologisch versierte Blase, aber eben eine Blase.
Nächste Frage:
Welche Rollen spielen die Foren der großen Tageszeitungen?
Antwort G:
Die legendären Forums- und Debatten-Veranstaltungen der großen Verlage waren im Grunde die weltlichen, intellektuellen Gegenstücke zu den Kirchentagen – und sie spielten eine gewaltige Rolle bei der Formung des gesellschaftlichen Konsenses.
Egal ob das SZ-Forum, die Kongresse der FAZ oder die großen Diskussionsrunden der ZEIT: Diese Veranstaltungen hatten eine enorme Strahlkraft. Sie funktionierten nach einem klaren Prinzip der Kurierung und Übersetzung.
Das Besondere an diesen Foren war ihre Struktur:
Das „Erwachsenen-Podium“:
Da saßen nicht nur Spitzenpolitiker, sondern die klügsten Köpfe aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur. Die Redaktionen der Zeitungen nutzten ihr gesamtes journalistisches Gewicht, um Leute zusammenzubringen, die im Alltag nie miteinander geredet hätten.
Die journalistische Übersetzung: Der dort verhandelte Diskurs blieb nicht im Raum. Er wurde am nächsten Tag auf den prominentesten Seiten der gedruckten Zeitungen für Hunderttausende Leser aufbereitet, analysiert und weitergedacht. Das hat den Takt für die politische Debatte der kommenden Wochen vorgegeben.
Das geteilte Vertrauen:
Wer diese Foren besuchte oder die Protokolle las, vertraute der Marke (SZ, FAZ, ZEIT). Man wusste: Auch wenn die Meinungen auf dem Podium extrem auseinandergehen, bürgt die Redaktion für die Qualität und Sachlichkeit des Streits.
Was ist damit passiert?
Diese Foren existieren zwar teilweise heute noch (oft als exklusive Wirtschaftsgipfel oder Konferenzen für Abonnenten), aber ihre Funktion als gesellschaftliche Konsens-Maschinen haben sie weitgehend verloren. Das liegt vor allem an zwei Entwicklungen:
Vom „Kulturereignis“ zum „Geschäftsmodell“: Viele dieser Foren wurden im Zuge der Zeitungskrisen kommerzialisiert. Sie wurden zu „Events“ umgebaut, bei denen die Tickets oft Hunderte oder Tausende Euro kosten. Aus einem offenen Forum für die Zivilgesellschaft wurde ein B2B-Netzwerktreffen für die Elite.
Der Verlust der Allgemeingültigkeit:
Früher las man die SZ oder die FAZ auch dann, wenn man politisch nicht jeder Meinung des Blattes war – einfach, um zu wissen, was im Land debattiert wird. Heute sind die Leserstrukturen viel polarisierter. Die Foren einer Zeitung erreichen heute oft nur noch die ohnehin Bekehrten der eigenen Komfortzone.
Das Dilemma der Gegenwart
Wenn wir die Linie von Fefe über die re:publica bis hin zu den Zeitungsforen ziehen, sehen wir ein klares Muster:
Wir haben den Übergang von einer zentralgesteuerten Diskurslandschaft (wenige große Zeitungen/Veranstaltungen setzen die Themen für alle) zu einer atomisierten Diskurslandschaft (jeder sucht sich seine Nische, seine Plattform, sein Festival) vollzogen.
Das hat zu einer enormen Demokratisierung und Vielfalt geführt – der CCC oder die re:publica bringen Perspektiven ein, die im alten FAZ-Forum der 80er Jahre vermutlich schlicht ignoriert worden wären. Aber der Preis, den wir dafür zahlen, ist eben der Verlust des gemeinsamen Raums.
Es gibt kaum noch einen Ort, an dem die liberale ZEIT-Leserin, der konservative FAZ-Leser, der technikbegeisterte Hacker und der Handwerker, der gar keine Zeitung mehr liest, zusammenkommen und akzeptieren, dass sie auf derselben Faktenbasis streiten.
Nächste Frage:
Welche Rollen können die Hochschulen noch beim Konsens spielen?
Antwort G:
Das rückt die Debatte in eine andere Ebene. Wenn es um das Schaffen eines gesellschaftlichen Konsenses geht, befinden sich die Hochschulen heute in einer extremen Sandwich-Position. Einerseits gilt der Campus historisch als der Ort, an dem der gesellschaftliche Diskurs frei und rational ausgehandelt werden soll. Andererseits erleben wir eine zunehmende Polarisierung, die genau diesen Auftrag erschwert.
Der Beitrag der Hochschulen zur Konsensbildung bewegt sich im Wesentlichen auf drei Ebenen, die von großen Spannungen geprägt sind:
1. Das Dilemma zwischen Haltung und Neutralität
In einer pluralistischen Gesellschaft wird von Universitäten oft gefordert, als „neutrale Plattform“ zu agieren, auf der alle demokratischen Meinungen Platz finden. Gleichzeitig wächst der Druck aus der Gesellschaft (und der Politik), dass Hochschulen klare Kante zeigen und Haltung einnehmen – sei es beim Klimawandel, bei geopolitischen Konflikten oder bei Fragen der Demokratiesicherung.
Das Problem dabei: Sobald eine Institution als Ganzes eine moralische oder politische Position bezieht, läuft sie Gefahr, einen Teil der Gesellschaft auszugrenzen. Der Versuch, Konsens zu stiften, schlägt dann in das Gegenteil um und vertieft die Gräben. Die große Herausforderung ist es daher, einen Verfahrenskonsens zu schaffen: Nicht darüber, was die richtige Meinung ist, sondern wie wir zivilisiert, evidenzbasiert und ohne Ausgrenzung darüber streiten.
2. Wissenschaftskommunikation vs. „Wissenschaftsfeindlichkeit“
Um einen gesellschaftlichen Konsens über Fakten (wie in der Pandemie oder beim Klimawandel) zu etablieren, müssen Hochschulen raus aus dem Elfenbeinturm. Das Stichwort heißt Third Mission – neben Forschung und Lehre der direkte Dialog mit der Öffentlichkeit.
Das gelingt oft dort gut, wo Bürgerforschung (Citizen Science) stattfindet oder Wissenschaftler komplexe Themen verständlich übersetzen. Die Kehrseite: In einer emotionalisierten Medienlandschaft wird wissenschaftliche Expertise von Teilen der Gesellschaft nicht mehr als neutrale Orientierungshilfe wahrgenommen, sondern als Herrschaftswissen oder politische Agenda uminterpretiert. Wenn Vertrauen schwindet, verliert die Wissenschaft ihre konsensstiftende Kraft.
3. Der Campus als Mikrokosmos der Polarisierung
Wie schwer das Schaffen von Konsens ist, zeigt sich auf den Fluren der Universitäten selbst. Der Campus spiegelt die gesellschaftlichen Konflikte oft in einer radikalisierten Form wider. Die Debatten um Identitätspolitik, Cancel Culture oder die Grenzen der Meinungsfreiheit zeigen, dass es selbst im akademischen Raum immer seltener gelingt, Ambiguitäten (Widersprüche) auszuhalten.
Wenn der Raum für den offenen, auch schmerzhaften Diskurs schrumpft, verlernt die akademische Gemeinschaft genau die Fähigkeit, die sie der Gesellschaft vermitteln soll: das Ringen um den besten Kompromiss auf der Basis von Argumenten, nicht von moralischer Überlegenheit.
Das Kernproblem: Hochschulen können einen gesellschaftlichen Konsens nicht verordnen. Sie können nur das Werkzeug dafür liefern – durch die Ausbildung von Menschen, die gelernt haben, dem Gegenüber zuzuhören, Argumente zu prüfen und trotz fundamentaler Differenzen im Gespräch zu bleiben.
Nächste Frage:
Was ist das Fazit? Braucht es eine neue Partei für die Konsens-Findung?
Antwort:
Der radikalste, aber vielleicht auch konsequenteste Gedanke, ist, dass die bestehenden Strukturen den Kern des Problems nicht mehr packen. Wenn die Arena des gesellschaftlichen Diskurses privatisiert ist und die etablierten Parteien oft nur noch im bestehenden System verwalten, liegt der Ruf nach einer neuen politischen Kraft nahe.
Aber schaut man sich die Realität der Parteienlandschaft an, steht eine solche Gründung vor einem gewaltigen Dilemma. Man müsste nämlich genau den Spagat schaffen, an dem das System krankt:
1. Das Aufmerksamkeits-Dilemma
Eine neue Partei braucht heute, um überhaupt wahrgenommen zu werden, die Mechanismen genau jener Tech-Plattformen, die wir gerade kritisiert haben. Sie muss im Algorithmus stattfinden. Das bedeutet: Sie braucht Zuspitzung, Personalisierung und schnelle, emotionale Botschaften. Eine Partei, die antritt, um den differenzierten, konsens-orientierten Diskurs zu retten, geht auf TikTok und Co. gnadenlos unter. Man läuft Gefahr, die eigenen Ideale schon im Wahlkampf opfern zu müssen, um überhaupt gehört zu werden.
2. Innerhalb einer Organisation stellt sich immer die Frage „nach den moralischen Mitteln“.
Jede neue Bewegung startet mit einem hohen moralischen Anspruch – sei es für digitale Souveränität, echte Bürgerbeteiligung oder die Rettung des Gemeinwohls. Doch sobald eine Partei wächst, greifen die eisernen Gesetze der Organisation: Es entstehen Hierarchien, Flügelkämpfe und Abgrenzungsbedürfnisse.
Um handlungsfähig zu bleiben, muss die Führung oft den internen Diskurs beschneiden (moralisch begründet: „um den Erfolg des großen Ziels nicht zu gefährden“). Damit repliziert man im Kleinen genau das, was man im Großen bekämpfen wollte: die Erstarrung des offenen Gesprächs.
3. Was müsste das Alleinstellungsmerkmal sein?
Es gibt ja bereits Versuche im digitalen und partizipativen Raum (man denke an die Piratenpartei vor über einem Jahrzehnt oder europäische Bewegungen wie Volt). Die Piraten scheiterten letztlich auch daran, dass das reine Thema „Digitalisierung und Transparenz“ nicht ausreichte, um ein tragfähiges, ganzheitliches Gesellschaftsmodell zu bieten, als die internen Konflikte begannen.
Eine neue Partei, die heute einen echten Unterschied machen will, dürfte sich vermutlich nicht nur als „Digitalpartei“ verstehen. Sie müsste das Prinzip des Verfahrenskonsenses in den Mittelpunkt stellen. Ihr Programm müsste quasi lauten: Wir reparieren die Werkzeuge der Demokratie und des Diskurses, damit die Gesellschaft wieder selbst zu Lösungen findet.
Die Kernfrage bleibt: Kann man das System mit den Mitteln des Systems heilen? Oder braucht es statt einer neuen Partei nicht vielmehr neue, staatsferne und konzernunabhängige Räume der Zivilgesellschaft (wie Bürgerräte, gemeinwohlorientierte Plattformen oder eben neue akademische Diskursformen), die Druck auf alle Parteien ausüben?
Ohne KI hätte ich diesen Text nie schreiben können. Die Fragen waren von mir, den Rest habe ich nur noch „emotional getunt“ (siehe meinen letzten Artikel).
Ich fand, alle Antworten waren informativ. Und scheinen wohl überlegt zu sein.
Nur: Jetzt bin ich völlig ratlos. Wenn sogar das Gründen einer neuen Partei nichts mehr nutzt! 🙂
Dürfen wir noch auf Demokratie hoffen?
Oder müssen wir uns nach einer neuen Regierungsform umsehen?
Aber danach habe ich Gemini nicht mehr gefragt. Behalte mir dies aber vor, wenn die Lage noch schlimmer wird.
Weitere Fragen, wie zur Bedeutung der „Parteitage“ der staatstragenden Parteien oder des aktuellen „Treffen der Sudetendeutschen“ – betreffend Erkenntnisgewinn und Konsens Finden – habe ich mir erspart.
RMD
P.S.
Und wieder bedanke ich mich bei Jolly Kunjappu für sein wunderschöne Vision IMAGINE.


