Herbst hoch zwei

Impressionen aus einer anderen Zeit und einer anderen Stadt.

Heute bin ich 70 und lebe in München.
Ich war mal 17 und lebte in Augsburg.

Dies 14 Jahre lang.

Wie ich älter werde, denke ich öfter mal an früher. Dabei beschäftigen mich verblüffende Fragen. Habe ich z.B. zuerst Kaffee oder Bier getrunken? Auf der Suche nach der Antwort führen die Spuren nach Augsburg.

Mein Leben begann in Augsburg.

Geboren bin ich in einem Wöchnerinnenheim in Augsburg-Göggingen. Das muss ein rechter Massenbetrieb gewesen sein; ich kenne viele Menschenartigen, die dort das das Licht der Welt erblickt haben.

Mein Vater freut sich über meine Ankunft.

Die ersten 5 Jahre lebte ich nahe dem Bahndamm Augsburg – München

Nach meiner Geburt bezogen meine Eltern das Dachgeschoß eines kleinen Siedlungshauses, das in der St. Afra-Siedlung (bei Mering) ganz nahe an der Bahnstrecke nach München lag. Ich kann mich noch schwach an das kleine Häuschen erinnern, mehr aber aber noch an die stählernen Züge, die zu unterschiedlichen Zielen durch das weite flache Land rollten.

Die ersten 5 Jahre habe ich in sehr guter Erinnerung. Ich war wohl der Augenstern meiner Mutter. So ging es mir gut. Trotz der Züge war es ruhig und die Luft immer frisch. Ich habe mich frei gefühlt und lernte viele Sachen, auf die ich stolz war. Sogar des Lesens war ich mächtig und schwer stolz darauf. Ich glaube, ich hatte ein kleines Paradies.

Aber jedes Paradies geht mal zu Ende.

So war auch es bei mir. Wir zogen um, in eine Neubauwohnung nach Augsburg, in die Rosenaustr. 18, kurz vor der Gögginger Eisenbahnbrücke. Und ich kam in die Schule.

Gegenüber unserem Wohnblock gab es ein neues Paradies. Das war der Wittelsbacher Park mit den schönen alten Bäumen und dem Rudolf-Diesel-Hain mit seinen gigantischen Felsbrocken aus Japan. Am einen Ende des Parks war die Kirche St-Anton und die Schule, in die ich gehen musste. Am anderen winkte das Rosenaustadion, die Spielstätte vom Ballspiel Club Augsburg (BCA) und dem TSV 1847 Schwaben Augsburg (den „Schwabenrittern“). Diese sollte zu meinem magischen Ort werden.

Die befahrenste Straße in Augsburg

Als diese habe ich die Rosenaustrasse wahrgenommen. Ich bilde mir ein, dass ich ab dem Umzug nicht mehr richtig schlafen konnte. Die Panzerkolonne der US-Army, die mindestens zweimal der Woche sehr früh am Morgen vor unserem Doppelblock mit zwei mal sechs Wohneinheiten störte, war da eher noch eine willkommene Abwechslung. Die in der Regel dunkelhäutigen Besatzungen brachten zumindest ein wenig Exotik in die düstere Herbstwelt. Die ich schon wenig später in den Clubs der GI’s auch musikalisch schätzen lernte.

Die schlimmste Jahreszeit war der Herbst.

Besonders schlimm war der Herbst 1956. Denn da kam ich auch noch in die Volksschule. Der Schulweg führte durch den Wittelsbacher Park. Es ging durchs nasse Laub und bald durch den kalten Schnee. Da halfen keine Schuhe und Handschuhe. Bevor ich in den Park kam, musste ich den Todesgraben der Rosenaustr. überqueren. Das war nicht immer einfach, mindestens einmal bin ich nur knapp dem Hasentod auf der Straße entkommen.

Das Ziel des Weges, die Schule, hat mich nicht motiviert. Die Schule war ein grausamer Unort, an der ich viel Unsinn lernte. Die Schulbücher waren langweilig, Lesen und Schreiben konnte ich ja schon. Singen konnte ich nicht und Turnen war auch nicht meins. Unter Religion habe ich bald gelitten. Die „heilige Kommunion“ und der drastisch bebilderte Leidensweg Christi waren der totale Tiefpunkt. Ich glaube, dass die blutigen Bilder vom „Leidensweg Jesu“ mich endgültig zum Pazifisten gemacht haben. Die vier schwärzesten Jahre meines Lebens überspring ich hier. Aber am Ende des Tunnels leuchtete ein Licht und es gab Hoffnung.

Dann kam ich ins Gymasium

Man schrieb das Jahr 1960. Ich war gerade 10 geworden und wurde ins Jakob-Fugger-Wirtschafts-Gymnasium geschickt. Der Weg dorthin in die Kriemhildenstr. war deutlich weiter als der zur Volksschule. Aber das hat nichts gemacht. Ich war ja größer und hatte ein Fahrrad!

Das Jakob-Fugger hatte 1960 vier erste Klassen, die 1a, 1b, 1.c und 1.d. Jede Klasse hatte um die 40 Neu-Gymnasiasten. Das Besondere: in der 1.c waren um die 20 Mädchen! In der war ich, also in einer gemischten Klasse! Rückwärts gesehen war das ein großer Vorteil, es ging langsam aufwärts. mit mir. Wir hatten junge Lehrer und tolle Kontakte zu den Schülern höherer Klassen. Mein Leben wurde schöner.

Bald ging es hinein in die Pubertät

Wir wollten „erwachsen“ sein. Zum Erwachsensein gehörte das Freisein. Und dazu gehörte Tabak, Kaffee und Alkohol. Damals wehte noch Der Duft der großen weiten Welt des Peter Stuyvesant und unser Jeremias Cotton trank seinen bitteren Whisky. Eduscho versprach uns Morgenduft und Jacobs die Krönung. Allgemein galt gut, besser, Paulaner.

In der Schule wurde das Raucherzimmer erkämpft

Das Jakob-Fugger war zumindest schülerseitig eine der moderneren Lehranstalten in Augsburg – und so hatten wir sehr früh ein Raucherzimmer. Da durften wir paffen – und das taten wir auch. Heute versteht das keiner mehr. Rauchen war so etwas wie ein Grundrecht, gehörte zu den im Grundgesetz verbrieften Rechte. Das durfte selbstredend vom Staat nicht eingeschränkt werden! Auch nicht in der Eisenbahn, deswegen hatte jedes zweite Abteil ein rotes Raucher-Schild. Eigentlich eine gute Lösung.

Fürs Bier gab es das Rehak in der Bahnhofstrasse

Die Bahnhofsstrasse in Augsburg verbindet den Hauptbahnhof mit dem Königsplatz. Gerade im Herbst ist sie die trostloseste Straße der Stadt. Die wenigen alten Hotelbauten, die den Krieg überlebten haben, wurden nach dem Krieg abgerissen. Nach dem Krieg war ich den Abriss vom Hotel Drei Kronen erlebt. Jahrelang habe ich den Schachraum des traditionsreichen Schachclubs Augsburg 1873 besucht, in dem immer etwas los war. Praktischerweise lag dieser neben dem Billardraum. Und dann wurde das ehrwürdige Gebäude zertrümmert und durch gesichtslose Architektur ersetzt.

Gegenüber dem Drei Kronen auf der westlichen Strassenseite der Bahnhofsstrasse lag das Rehak. Das hieß eigentlich Eva Rehak, benannt nach seiner Wirtin. Es bestand eigentlich nur aus Atmosphäre und Gefühl. Das Bier im Rehak war deutlich teuerer als in normalen Gaststätten – immer aufgerundet auf die runde Mark oder das Fuffzgerl. Neben dem Bier gab es Rotwein und Kaffee, aber keine warme Küche.

Trotzdem war es meine Stammkneipe. In meinem Freundeskreis gab es nur Rehak-Freunde und -Verächter. Ich war Teil der ersten Gruppe. Die Inhaberin war – aus unserer Sicht – ein wenig älter, aber hatte diese besondere Attraktivität, die erfahrene Frauen oft auszeichnet. Um sie wurde viel spekuliert, wie oft bei Gastromie-Unternehmerinnen.

Sie war nur selten im Lokal, um nach dem Rechten zu schauen. Das Geschäft überließ sie ihren männlichen Mitarbeitern. Die waren Bilderbuch-Kellner, immer in korrekter schwarzer Berufsuniform – inklusive den passenden Krawatten. Einer der Kellner hieß Heinz. Er servierte mit seltener Grazie. Für die jungen Gäste auch jenseits des Biers da. Für die hatte er immer ein offenes Ohr und weise Worte des Trosts, ganz gleich ob sie an Liebeskummer, Weltschmerz, heftigen Schulsorgen oder Schlimmerem litten. Wenn wir aber das zehnte Mal in Folge Don’t let me down (The Beatles) aus der Musikbox durch das Lokal dudeln ließen, bat er uns, die anderen Gäste nicht damit zu quälen.

Neben uns jungen männlichen Gästen kamen auch ältere Herren ins Rehak. Die hatten ihren Stammplatz an der Bar und waren immer mit sehr wichtigen Geschäften beschäftigt. Ab und zu kamen auch Frauen ins Lokal. Man muss wissen, Augsburg war damals eine Hochburg der Sexualdienstleistung. Die Damen arbeiteten in der Umgebung der Bahnhofstrasse. Und im kalten Winter war das Rehak mit seinem eher anonymen Publikum ein guter Ort, um sich nachts aufzuwärmen. Und spätestens wenn sich eine Dame dann vom Kolleginnen-Tisch „mit Drei Stiche muß ich noch machen“ verabschiedete, wußten wir was los war.

Der Tabak-Qualm im Rehak war nur auszuhalten, wenn man selber rauchte Nach zwei oder drei Halben, wenn wir das das Rehak wieder verließen, hatte die depressive Bahnhofstrasse den Trost frischer Luft für uns bereit.

Im Sommer standen ein paar Tische mit Stühlen vor dem Lokal. Die Plätze im Freien waren sehr begehrt. Aber wir waren ja Stammgäste. Ich musste nur aufpassen. Wenn meine Eltern, zum Beispiel vom Einkauf vom in der Nähe gelegenen Aldi vorbeikamen und mich vor dem Rehak sahen, dann waren sie gar nicht „amused“. Aber im Lauf der Zeit wurde mir das auch mehr und mehr egal.

Kaffee gabs Eduscho und Tschibo zuständig

Vom Königsplatz geht es in die Anna-Straße. Dort am Tor zur Einkaufs- und Fußgängerzone gab es zwei Steh-Cafés, auf jeder Seite eines. Beide waren immer knallvoll. Mittags führte unser Weg vom Gymnasium entweder ins nahe gelegene Familienbad. Wenn Wetter oder Jahreszeit nicht nach Sonnenbaden waren, dann ging es immer in die Anna-Straße. Die Enge dort war unvollstellbar, der Qualm war noch dicker als im Rehak. Aber wir fanden immer einen Platz. Der Kaffee kostete zu Beginn unserer Zeit 20 Pfennige – und man traf immer die richtigen Leute.

Christkindelsmarkt in Augsburg

So war das Leben in meiner Heimat. Ich weiß nicht mehr, wann ich meine Zigarette mein erstes Bier oder meinen ersten Kaffee getrunken habe. Wahrscheinlich wahr es die Zigarette. Nur, dass es viel zu früh war. Ich habe mich in Augsburg immer gefühlt wie in einem schlechten Stück von Bert Brecht. Mein Leben rauschte an mir vorbei wie eine surrealistische Karusel-Fahrt des Kasperls auf dem Augsburger Ringelspiel.

Kasperl
Der Augsburger Kasperl.

Ich war froh, dass das Schicksal mich da mit 19 recht heftig weggespült weggespült hat. Aus einer Zeit von bitterer Schönheit.

Vor kurzem war ich wieder in Augsburg. Wieder im Herbst. Die Erinnerungen kamen, die Zeit war wieder da. Ich habe eine Leberkäs-Semmel vor der Markthalle im Stadtmarkt gekauft. Und diese im Freien zwischen zahlreichen Augsburgern gespeist. Alle haben ihre Anti-Corona-Masken getragen und brav Abstand gehalten (AHA). Gesprächsthema am Marktplatz zu Augsburg waren die vielen depressiven Bekannten. Da wurde ich auch gleich wieder düstere Gedanken, Ich bin dann so schnell wie möglich zum Bahnhof geradelt und in den Zug geflohen. Und war mir sicher, dass ich in der Stadt meiner Jugend nicht leben will. Irgendwie muss ich eine schlimme Kinderdepression haben.

RMD

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