Gefühl vor Verstand

Entscheidungen sind nur dann Entscheidungen, wenn sie unter Ungewissheit stattfinden. So sind sie definiert; sie müssen von Relevanz sein und erfolgen unter Unsicherheit. Sonst sind es keine Entscheidungen!

In meinem Leben musste ich oft entscheiden. Für mich und immer mehr auch für Andere. Zwar wollte ich das nie. Aber ich wollte immer möglichst gute Entscheidungen treffen.

Früher dachte ich, dass man Entscheidungen immer rational treffen sollte. Aufbauend auf Faktensicherheit und dem gesunden Menschenverstand folgend. Unter Berücksichtigung aller relevanten Dimensionen. Im Lauf der Zeit habe ich gelernt, dass das meistens nicht möglich ist. Dazu habe ich schon einige Artikel hier geschrieben, der letzte hieß Verstand oder Gefühl.

Entscheidungen sollen ja immer „gut“ und „richtig“ sein. Bei den ganz großen Fragen werden deshalb immer öfters Ethik-Kommissionen sozusagen als begutachtendes und beratendes Gremium bemüht. Und meistens können die auch nicht weiterhelfen, weil sie mit Ratio-Ethik an das Thema ran gehen. So in etwa die Botschaft im letzten Artikel.

Ich meine, dass die Weisheit vieler Menschen helfen kann, „richtige“ Entscheidungen zu finden. Eine Art von „crowd wisdom“ oder „crowd bauchgefühl“. Da gute Entscheidungen nicht durch rationale und philosophische Dialektik aufbauend auf Wissen und Fakten möglich sind, sondern eher aufbauend auf dem „gemeinsamen“ Gefühl.

An zwei Themen, die mir sehr am Herz liegen und die beide für uns wahrscheinlich existenziell sind, werde ich in diesem Artikel diese Entscheidungsproblematik diskutieren. Hier die von mir gewählten Themen:

„Verbrennen wir weiter Kohle?“ oder
„Stoppen wir die Verbrennung von Kohle ruckartig?“
und
„Setzen wir die Straßenbauprojekte im Bundesverkehrswegeplan BVWP 2030 des BVMI um?“ oder
„Stoppen wir den Bau von Autobahnen und Bundesstraßen komplett?“ (Vorschlag der Grünenspitze von Anfang Oktober 2020)


Weiter Kohle verbrennen?

Viele gerade jungen Menschen in Deutschland demonstrieren gegen den Abbau von Braunkohle und den Weiterbetrieb alter und besonders die Inbetriebnahme neuer Kohlekraftwerke. Sie fordern das sofortige Ende der Verbrennung aller fossilen Brennstoffe.

Die Politik muss eine Entscheidung fällen. Macht man weiter wie bisher – oder ändert man schnell etwas?

Wenn man alle juristischen, technischen, kaufmännischen, wirtschaftlichen, globalen und die Zukunft des Planeten betreffenden Argumente zusammenbringen will, übersteigt das unsere menschlichen Kräfte. Denn dann wird die Sache sofort so kompliziert, dass die menschliche Entscheidungsfähigkeit total überfordert wird. Zu viele Pro & Contras aus verschiedenen Dimensionen überfordern uns. Die Herausforderung lähmt uns. Dazu kommt, dass Mensch dazu neigt, lieber nichts zu ändern und so besser nichts zu entscheiden.

In unserer Rolle als „Kohle-Verbrenner“ geht es uns genauso. Die Entscheidung, keine Kohle mehr zu verbrennen, ist schlimm genug. Aber es wird noch schlimmer, weil wir auch „Kohleproduzent“ sind.

Und die Entscheidung betrifft nicht nur uns. sondern auch andere „Produzenten“. Zum Beispiel den ganzen Kontinent Australien. Und global gedacht die ganze Welt. Das macht es noch schwieriger.

Ich habe das Wort Produzent in Anführungszeichen geschrieben, weil wir oder Australien die Kohle nicht produziert haben. Das war die Natur, und die Kohle liegt heute halt in einem Territorium herum, das gerade mal von uns oder den Australiern als Eigentum betrachtet wird. Um das Thema noch schwieriger zu machen, hier der Wikipedia-Artikel zur australischen Kohlewirtschaft. Wenn man den gelesen hat, versteht man, dass eine rationale Entscheidung in Australien für den Kohle-Stopp kaun möglich ist. Dabei sind die schlimmen Zahlen gar nicht so schlimm:

Australien hat von 2017/2018 510 Millionen Tonnen Kohle abgebaut, davon wurden etwa 75 % (380 Mio. Tonnen) exportiert. Der Wert betrug im Jahr 2018 AUD 67 Milliarden, ein Anteil von 3,5 % am nominalen Bruttosozialprodukt (Quelle Wikipedia 2020).

Und 3,5 % ist gar nicht so schlimm, denn 3,5 % Bruttosozialprodukt kann man mit ein wenig gutem Willen kompensieren. Das haben wir in Corona-Zeiten gelernt. Das Kohlendioxid, dass das Verbrennen der 510 Millionen Tonnen australischer „Kohle“ verursacht, kann man nicht kompensieren.

Ich mag hier gar nicht anfangen, die komplexe Pro- und Contra-Liste des „Verbrennens von Kohle“ aufzuführen und abzuwägen. Weil das nicht funktionieren wird.

Beschränken wir uns auf zu erfühlen, wie das mit der Kohle so geht. Also Augen zu und durch:

In Australien liegt die beste Kohle der Welt in unvorstellbarer Menge rum. 80 % der australischen Kohle kann im Tagebau gewonnen werden (weltweit 40 %). Diese schöne Kohle brennt nicht nur prächtig, sondern ist ein wertvoller Rohstoff für viele Güter. Sie wird mit großen Maschinen ohne besondere Rücksicht auf die Umwelt großflächig „abgeerntet“.

Mit Zügen oder Riesen-LKWs wird sie auf eigenen Autobahnen zu einem Kohle-Hafen gebracht. Der gerade nur für den Kohleexport gigantisch ausgeweitet wird und den Niedergang eines der letzten Biotope des sterbenden Ozeans dramatisch beschleunigen wird. Auf Riesenschiffen wird der wertvolle Rohstoff nach Asien, Europa und in die ganze Welt verschifft. Mit Schiffen, die mit hoher Geschwindigkeit die Ozeane durchpflügen müssen, damit der Transport rentabel ist und dazu Unmengen Schweröl verbrennen.

Kommt die Kohle dann in Hamburg an, wird sie umgeladen auf die Binnenschifffahrt, in Güterzüge oder Lastwägen, die sie zum Endverbraucher bringen. Das sind nicht mehr die Haushalte, wo die Mutter mit dem Ofen die Wohnung warm hält, sondern Kohlekraftwerk und Stahlwerke. Ein Teil dieser Kohle wird in Dampfmaschinen verbrannt und so in Strom umgewandelt, der dann unter anderem mit rasant beschleunigenden E-Autos vernichtet wird.

Der Rest der Kohle kommt in ein Stahlwerk, das Blech für Autos, Hartstahl für Panzer und Autobahnbrücken oder Alu für Bierdosen hergestellt. Früher galt die Faustregel, dass zur Herstellung einer Bierdose zirka 1,5 kg Steinkohle benötigt wird. Ein Teil wird in der chemischen Industrie als Rohstoff genutzt.

So gesehen erscheint mir die Entscheidung klar. Wir müssen sofort aufhören, Kohle zu verbrennen. Und siehe da, wir sind schon auf einem guten Wege.

Denn der Verbrauch von Kohle ist bei der Stromerzeugung 2019 stark zurückgegangen. Trotzdem wurden im letzen Jahr noch 19 % unseres gesamten Stromes mit Braunkohle und 9 % mit Steinkohle erzeugt (Gas und Mineralprodukte sind nicht enthalten). Statisch gesehen fährt also jedes e-Auto zu einem knappen Drittel mit Kohle.

Es ist also machbar und deshalb kann ich entscheiden, keine Kohle mehr zu verbrennen Nur – es werden sofort Folgeentscheidungen fällig. Setze ich auf Wind oder Sonne, auf zentrale oder dezentrale Strategien, auf Speicher oder Netze? Versuche ich als einen Teil der Lösung Energie zu sparen? Ziehe ich staatliche oder private Lösungen vor?

Das alles sind Entscheidungen, die notwendig sind und viel Mut und Autonomie von den Entscheidern erfordern werden. Und die man mit Fakten und Zahlen nicht diskutieren kann. Weil die das Problem nur noch größer machen. Also muss ich vereinfachen. Weil ein „weiter so“ können wir uns nicht leisten.


Ich habe viel Text zu meinem ersten Beispiel produziert. Deswegen gebe ich zu meinem zweiten Thema nur ein paar Denkanstöße:

„Stoppen wir den Bau von Autobahnen und Bundesstraßen komplett?!“

Dieser Vorschlag der Grünen leuchtet mir von ganzem Herzen ein. Ich mag nicht noch mehr Lärm, Abgase, versiegeltes Land, Blechlawinen. Ich empfinde Autofahren als rücksichtslos den Nichtautofahrern gegenüber. Ich fühle förmlich, dass das Auto die Lösung für die Zukunft nicht sein kann, gleich ob es mit einem Verbrennungs- oder Elektomotor angetrieben ist, gleich ob es von Menschen gesteuert wird oder autonom fährt.

Ich wundere mich, wie unsere Gesellschaft bereit ist, einerseits wegen der Bedrohung durch einen Virus alles aufzugeben, gleichzeitig Millionen Tote und abermals Millionen Verletzte durch individuelle Mobilität nonchalant hin zu nehmen. Weil es halt anders nicht geht … Und hierzulande die „Vision Zero“ keine Chance hat.

Nur, diese Entscheidung ist wahrscheinlich in Deutschland noch schwerer durchzusetzen als der „Kohle-Stopp“. Wahrscheinlich braucht sie noch mehr Mut. Und führt auch zu Folgeentscheidungen wie
„Sanieren wir die vorhandene Infrastruktur so gut wie möglich oder lassen wir sie langsam ausklingen?“
und weitere wie
„Rüsten wir die vorhandene Infrastruktur für selbstfahrende Fahrzeuge her?“ oder
„Auf welche Alternativen setzen wir?“
und weiteren wie
„Was machen wir mit dem Luftverkehr und den vielen Flughäfen?“

Es gibt noch viel mehr Entscheidungen, die wir schnell und mutig treffen müssen:

Wollen wir weiter unser Nahrungsmittel mit Raubbau-Methoden zu Lasten unserer Böden herstellen, unseren großen Fleischkonsum mit Massentierhaltung und Fischfabriken, unser Wirtschaftssystem komplett über den Einsatz von Plastik realisieren, die Währungspolitik in Dimensionen zu treiben, die alles zerstören kann, Atomwaffen wie allgemein Waffenproduktion und -export und Kriege zu akzeptieren?

Oder generell:
Dürfen wir mit unserer Geldpolitik so weiter machen? Müssen wir uns nicht bald von der Wirtschaftsform des Spätkapitalismus verabschieden und für eine Gemeinwohl-Ökonomie sorgen? Und so weiter?

Auch die Korona-Manie braucht mutige Entscheidungen. Wäre ich Bundespräsident, käme ich auf den Gedanken, dass
„Das Covid-19-Virus auch zu Deutschland gehört!“
(Wie vor zehn Jahren der damalige Bundespräsident Wulff zu einem anderen Thema …)
Welche Entscheidungen müssten einer solchen Erkenntnis folgen???

Wir werden viel Mut brauchen!

RMD

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