Drei Paar Handschuhe …

Letzte Woche fahren wir nach dem Besuch der letzten Vorführung vom „Unendlichen Spaß“ im Volkstheater am Stiglmaier-Platz nach Hause. Wir waren beeindruckt und ergriffen, irgendwie blieb uns die Sprache weg.

Am Hauptbahnhof steigen wir von der U-Bahn um in die S-Bahn. Auf den beiden Sitzbänken auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Familie. Offensichtlich mit Migrationshintergrund und augenscheinlich auch nicht so sehr wohlhabend. Es ist ein Paar mittleren Alter mit einem Sohn, der so mitten im Erwachsen werden ist.

Auf der Bank mir schräg gegenüber sitzt die Mutter am Fenster, der Sohn neben mir auf dem Gang. Der Vater sitzt dem Sohn gegenüber, auch auf dem Gangplatz. Auf dem freien Fensterplatz gegenüber der Mutter haben sie ihre Handschuhe abgelegt. Alle strahlen ein besonderes Maß von Glück und Harmonie aus.

Die drei müssen einen schönen Abend gehabt haben, denke ich mir. Die gute Stimmung  steckt an, ein in der S-Bahn eher seltenes Erlebnis. Es ist einfach wunderschön.

Die Barbara  sitzt neben mir. Sie liest. Durch Zufall habe ich meinen Kindle dabei. Eigentlich lese ich nie in der S-Bahn. Weil es da soviel zu Sehen und zu Erleben gibt. Aber dann mache ich halt doch meinen Kindle auf. Und lese auch. Einen zwar dämlichen aber doch irgendwie spannenden Kriminalroman. Aurora heißt er und handelt von Morden als Ausläufer des kalten Krieges.

Ab und zu wandert mein Blick auf die andere Seite zu unseren Nachbarn. Nasche ein wenig von deren Glück. Tut gut nach dem aufwühlenden Theaterstück. Und lese dann wieder weiter.

In Neubiberg steigen die drei aus. Wie sie aussteigen, will ich nochmal rüberschauen. Aber zu spät, sie sind schon draußen.

Und da sehe ich ihre Handschuhe liegen. In diesem Moment fährt die S-Bahn schon wieder los – zur nächsten Station und unserem Ziel, Ottobrunn. Da werden wir aussteigen. Und plötzlich bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Weil ich gelesen habe. Denn sonst wäre es mir garantiert aufgefallen, dass die drei ihre Handschuhe liegen gelassen haben. Und hätte sie garantiert vor dem Verlust bewahrt.

Und es tut mir richtig richtig leid. Weil ich davon ausgehen muss, dass das große Glück der kleinen Familie sicher schon kurz später durch den Verlust von drei Paar Handschuhen schwer gedämpft wurde. Das ist dann wieder ein trauriges Ende eines schönen Abends. Und ich hätte dies so leicht vermeiden können – hätte ich nur nicht den blödsinnigen Krimi lesen müssen.

Die Geschichte ging mir dann noch ein paar Mal durch den Kopf. Deshalb schreibe ich sie auch auf. Das Leben ist schon komisch.

RMD

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