Warum mich…?(Kapitel11)

Zur Abwechslung hier einmal ein ‚Thriller‘! Mit etwas Glück kommt jetzt jeden Sonntag ein Kapitel. Vielleicht haben einige die Nerven und halten bis zu  Kapitel 19  durch? 

Das Bild ist übrigens auch von Martina Roth.

Kapitel 11

2003 –  Die Jugend

Der Wodka war schuld!

Elsbeth hatte ihn bei ihrem überraschenden Wiedersehen mit Wladimir viel zu schnell in sich hineingeschüttet. Voll auf den leeren Magen; der eine Teller Borschtsch war so gut wie gar nichts, sie war danach immer noch hungrig gewesen.

Ihr benebelter Kopf und die diffuse Finsternis haben dann vermutlich dazu geführt, dass Elsbeth nach dem gemeinsamen Sprint mit Boris zu dem weißen Auto und dem hastigen Sprung auf den Beifahrersitz, nicht bemerkt hatte, wie sich ohne viel Federlesen ein anderer hinter das Lenkrad geschmuggelt hatte und losgefahren war.

Der hatte zwar eine ähnliche Strickmütze überm Kopf wie Boris, fast die identische schwarze Lederjacke und auch die gleiche kräftige Statur; war aber nicht Boris…

Geschockt starrte Elsbeth auf den Mann, der auf sie einredete, obwohl schon seine riskante Fahrweise all seine Aufmerksamkeit erfordert hätte und der auch gespannt in den Rückspiegel und die Außenspiegel starrte, als hätte er Angst vor Verfolgern…

Elsbeth war nicht in der Lage in irgendeiner Form auf das völlig unverständliche Kauderwelsch zu antworten, sondernee bewegte tonlos ihre Lippen, da sie immer quälender gegen eine heimtückische Übelkeit anzukämpfen hatte, die schlangenartig durch ihren Hals nach oben drückte und ihr die Luft abzuschnüren drohte.

Als der unbekannte Fahrer vorsichtig an ihren nach vorne hängenden Körper tippte, fuhr sie erschrocken hoch, als wäre sie aus dem Schlaf aufgeschreckt.

Der Fahrer sagte „Madame keine Angst haben brauche.

Ich nichts Böses tun… Nur Madame rück bringen zu Besitzer in Klinik… Drum nicht Angst haben, nicht klagen müssen…“

Aber zu Elsbeth drang dieses Gebrabbel nicht durch.

Nicht nur wegen des schlechten Französisch, das der Unbekannte von sich gab, sondern weil sie immer eindringlicher bettelte und flehte, sie doch bitte, bitte raus zu lassen!

Einfach raus!

Jetzt!

Hier!

Da!

Sie käme schon zurecht! Auch in der Nacht! Bei jedem Wind und Wetter!

Und jeder Kälte, und wenn sie erfröre, wär’s auch gut, ja sogar eine himmlische Erlösung…

Sie wolle bitte, bitte nicht wieder in diese grauenhafte Klinik zurück müssen, in der sie wie ein Stück Vieh behandelt würde, an dem Hugo und seine Helfer herum experimentierten, es demütigten und entstellten und… und dem sie sogar das Gesicht rauben wollten: ja – es ihr abziehen, wie einem Kaninchen das Fell, nur zur Befriedigung ihrer perversen Triebe …

Bitte das nicht, flehte sie inständig in Richtung des immer verstörter wirkenden Unbekannten; lieber würde sie sich noch einmal aus dem fahrenden Auto stürzen, als wieder diesem Scheusal Hugo ausgeliefert zu sein und besprungen und geschunden zu werden…

Nein bitte, bitte nicht zurück zu Hugo…alles nur das nicht, flehte sie mit immer dünner werdender Stimme, die irgendwann in einem geräuschlosen Gurgeln versiegte…

Der Unbekannte fuhr deutlich langsamer.

Verfolger schien er nicht mehr zu befürchten.

Er wirkte unentschlossen.

Vielleicht wusste er gar nicht wo er hinfahren sollte?

Durch ständiges Wiederholen von: ‚keine Angst Madame ich nichts tun’  versuchte er weiter, wenn auch vergeblich, Elsbeth zu beruhigen.

Ihr Klagen verstand er zwar nicht, aber ihre Verzweiflung blieb nicht ohne Wirkung, ja schien ihm zuzusetzen, da er in immer kürzer werdenden Intervallen nervös über sein Gesicht wischte.

Mit zittrigen Händen zündete er sich eine Zigarette an.

Elsbeth reagierte mit einem krampfartigen Hustenanfall.

Er telefonierte. Redete mit der Zigarette im Mund.

Offensichtlich war der Unbekannte von der Schnellstrasse weg, auf eine normale Straße gefahren, da die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos den Innraum auf einmal taghell ausleuchteten.

Elsbeth registrierte, dass der Mann Nordafrikaner war, oder so etwas Ähnliches. Drum war sein Gesicht in der Dunkelheit nicht zu sehen, ja gar nicht da gewesen!

Trotz seines holprigen Französisch, bemühte er sich freundlich zu sein.

Aber Elsbeth nahm das nicht richtig wahr. Sie verfluchte stattdessen Wladimir und Boris und beschimpfte sie als totale Versager, die sich in ihrer Trotteligkeit immer wieder von Hugo übertölpeln ließen. Wie man so blöd sein konnte, wollte ihr nicht in den Kopf. Oder war das doch ein abgekartetes Spiel?

Und sie selbst die dämlichste Kuh der Welt? Die immer wieder vertraute!

Als der Unbekannte endlich die Zigarette ausmachte, sagte er in Richtung Elsbeth, dass er ‚Madame um Verzeihung bitten müsse, für all die Scheiße, die er machen… aber er nur seine Arbeit tun… Doktor Hugo L. prima zahlen…’

Dann telefonierte er noch einmal. Jetzt sollte er kommen!

Elsbeth erkannte die gelbe Beleuchtung der Gartenanlage des Klinikums. An den trockenbeetartig angelegten Hügeln mit den Kakteen und Palmen wurde ihr klar, dass ihr Flehen vergeblich gewesen war…

Gleich waren sie da! Die ganze Herumraserei, war wohl nur ein billiges Täuschungsmanöver gewesen. Für wen eigentlich?

Erschöpft und ausgehöhlt wünschte sie sich nur noch zu sterben. Warum erbarmte sich niemand und gab ihr endlich die erlösende Spritze? Warum? Welche Schuld hatte sie auf sich geladen? Hugo, dieses Schwein, lebte doch noch! Ihr Stich in seine Brust war doch viel zu schwach gewesen. Nach kaum einer Woche war er wieder auf den Beinen und belästigte sie noch rücksichtsloser…

Und bestimmt lauerte er vor der Klinik wie die fette Kreuzspinne daheim in der Scheune auf sein ewiges Opfer.

Ruckartig hielt der Unbekannte auf ein Zeichen von Dr. Hugo L. vor der Einfahrt an. Die Beifahrertür wurde aufgerissen, ehe sich Elsbeth versah, lag sie fest verschnürt wie ein Saumagen auf dem bereitstehenden fahrbaren Krankenbett.

Dr. Hugo L. täuschte Geschäftigkeit vor und gab sinnlose Anweisungen, während er Elsbeth die üblichen Beruhigungsspritzen in die Oberschenkel drückte.

Sie hatte keine Chance…

Bevor sie wegdämmerte stellte sie verschwommen fest, dass auch Celine wieder bei Hugo herumschwirrte.

Aber warum hatte sie den Kopf bandagiert?  War sie verletzt? Der Verband hing bis tief in die Stirne.

Doch als Hugo an Elsbeth Augenlidern prüfte, wie weit sie bereits in die beabsichtigte Schlafstarre gesunken war, registrierte sie noch, wie Celine dazwischenfuhr und ihr entgegenzischte, „du Drecksstück, den hinterhältigen Schlag auf meinen Schädel wirst du mir bitter büßen“.

„Aber, aber“, sagte Dr. Hugo L. mit einem verständnisvollen Zwinkern, „Schwester Celine, sie werden sich doch nicht an meiner Lieblingspatientin vergreifen wollen, wenn das notwendig sein sollte, besorge ich das schon selber“.

Die Trostlosigkeit erreichte ihren Tiefpunkt, als Elsbeth irgendwann aufwachte und sich mit dumpfem Kopf, vollkommen verstört, in dem Zimmer wiederfand, aus dem sie vor wenigen Stunden mit Celines Hilfe im Schutz der Dunkelheit abgehauen war. Zum Unterschied zu vorher war sie jetzt auch noch am Bett festgebunden. Zu ihrer eigenen Sicherheit, wie ihr eine kräftige Schwester, die eher einem Ringer glich, erklärt hatte.

Elsbeth musste aufs Klo… Und wollte trinken!

Sie drückt die ‚Schwesterntaste’. Celine erschien mit Geraldine.  Sie reichte der nur teilweise aufgeschnürten Elsbeth stumm die Schüssel und schickte Geraldine um Mineralwasser. Apathisch wich sie Elsbeths Blicken aus und erledigte mechanisch was zu tun war. Als sie mit Geraldine das Zimmer verließ, deutete sie auf einen dunklen Fleck bei ihrem Bett, „der bleibt zur Erinnerung an die Vase, die Sie mir freundlicher Weise über den Schädel gedonnert haben.

Und damit Sie es auch nicht vergessen, gibt es ab sofort dafür weniger zu trinken“!  Mit einem gequälten Grinsen watschelte sie langsam aus dem Raum.

Wahrscheinlich hatte sie damals doch noch geplaudert, als sie mit ihren Kopfverletzungen gefunden worden war. Nur deshalb konnte dieses Scheusal Hugo ein weiteres Mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, und sie wieder, wie üblich einfangen!

Elsbeth erstickte fast vor Scham über ihre eigene Unfähigkeit und die ihrer angeblich so guten Freunde. Aber wer war auf Celine losgegangen? Oder war sie es doch selbst gewesen?

Elsbeth hatte keine Kraft mehr, weiter nachzudenken…

Boris war nicht wenig verwundert, wie ruhig Wladimir die schändliche und blamable Panne aufgenommen hatte, als er ihn nach unsäglichen Stunden des Wartens endlich im Raum 0.333 aufgespürte.

Denn der schüttelte nur mehrmals ungläubig den Kopf und sagte nach einem langen schmerzvollen Seufzer:

„Wissen wir wenigstens wer sie gekidnappt hat?“

„Keine Ahnung – es war viel zu dunkel. Der Typ war vollkommen lautlos, wie eine Katze, aus irgendeiner Tür gekommen. Gesicht war keines zu erkennen gewesen. Muss ein Schwarzer gewesen sein!  Irgendein Schwein hat uns verraten“!

„Tja dieses Schwein kann eigentlich nur du, ich oder Celine gewesen sein, die auch alles wusste“.

„Fast war ich noch dran gewesen“, haderte Boris ein weiteres Mal mit sich selbst, „mit der Faust hab‘ ich noch auf das Blech gedonnert!! Aber die rasten einfach los“!

„Boris, sag mir bitte noch einmal, warum das Auto nicht abgesperrt war?“

„Ich weiß es nicht Wladimir, ich hatte es jedenfalls abgeschlossen, als ich es abgestellt hatte. Irgendwer muss da noch einmal dran gewesen sein, während ich kurz bei euch war“.

„Ja, das war sicher der entscheidende Fehler, du hättest bei dem Auto auf uns warten müssen. Noch dazu wo das ‚Netzwerk’ uns doch ausdrücklich gewarnt hatte!

Aber wir hatten nicht genug Phantasie!

Du tipptest im Spaß sogar noch auf Karin! Und Johannes! Aber Hugo hattest du nicht auf der Rechnung?“

„Nein“, sagte Boris, wir hatten ihn doch beide ausgeschlossen, da wir meinten er würde sich auch an die Order von ‚oben’. halten, oder?

„Und kann es ganz wer anderer sein?“

„Möglich ist alles“, sagte Boris kleinlaut.

Und nach einer Pause in der Wladimir nur schwer seinen Missmut über das schändliche Versagen unterdrücken konnte, sagte er: „ Der ‚W.S.’ wird schäumen, aber …“

Er wurde von Boris unterbrochen, der plötzlich zu klagen begann, da er mit Schrecken an die Abreibung dachte, mit der er bestimmt rechnen musste.

„Hör auf zu jammern Boris, vielleicht hast du ja Glück und die Strafe fällt gar nicht so heftig aus, wie bei mir damals als ich Aljoschas Bestrafung versaut habe und er im Koma gelandet war! Du hast ja immerhin, egal ob du es wolltest oder nicht, das Auto prima verwanzt! Und da der Fahrer aus irgendeinem Grund endlos in der Gegend herumgefahren ist, hat doch alles prächtig geklappt!“

„Was meinst du denn damit?“

„Ich meine, dass die Information, die wir erhalten haben, dich mit ziemlicher Sicherheit vor dem Rollstuhl gerettet hat. Denn wie Elsbeth da losgeheult hat, bei ihrem Kidnapping und was sie über unseren lieben Freund Hugo dem Unbekannten in ihrer Verzweiflung vorgejammert hat, wird ‚W.S.’ noch viel weniger gefallen, als dein Patzer! So konzentriert und authentisch hat er die Schandtaten des Dr. Hugo L.  bestimmt noch nie gehört! Und das noch dazu auf Deutsch, das er ja prima versteht! Und wie wir ja alle, du hoffentlich auch, wissen, hat ‚W.S.’  schon vor zwölf Wochen die strikte Order ausgegeben, dass Aljoschas Jugendliebe ab sofort nicht nur tabu, sondern auch so zu versorgen sei, dass sie fit und munter bei Aljoscha ankomme und ihn erheitere, wie früher bei Hof die Narren das getan haben“.

„Und was heißt das konkret?“

„Dass sie ab diesem Zeitpunkt zur ‚Familie’ gehört! Mit allen Konsequenzen!“ sagte Wladimir, mit einem grimmigen Lächeln, da ihm wieder klar wurde, was das für ihn persönlich hieß.

„Und ich weiß auch gar nicht wie Elsbeth zu diesem unerwarteten Glück stehen wird?“, sagte er leise zu sich selbst.

„Aber was Elsbeth will, ist doch in diesem Fall so unwesentlich wie Fliegenscheiße“, warf Boris ein, der sich sichtlich beruhigt hatte. Wladimir nickte nachdenklich und sagte, dass er Elsbeths Klagelied über Hugo feinsäuberlich auf mehrere CD’s gebrannt hätte und jetzt alles schnell gehen müsse.

Eine neue derartige Chance würden sie nicht mehr bekommen…

„Hoffentlich liegt sie nicht schon unter Hugos Skalpell, der wird bestimmt jetzt keine Zeit mehr verstreichen lassen?“

„Oder ganz wo anders“, unkte Boris.

„Kann sein, aber irgendwie trägt dieser Coup Hugos Handschrift“!

„Aber über unsere Informantin müsste wir doch Bescheid bekommen? “warf Boris beflissen ein.

„Wenn sie das noch kann und will; Hugo meint es verdammt ernst: der will sich ‚W.S. und dem Netzwerk’, durch eine ganz besondere ‚Gefälligkeit der Extraklasse’ andienen: der will wirklich Aljoscha seine Jugendliebe Elsbeth liefern! Original wie er sie vor seinem Fallschirmabsturz kannte, denn an eine andere Elsbeth wird der sich nie erinnern können. Und darin sieht dieser Typ Hugo die Chance seines Lebens?“ nuschelte Wladimir vor sich hin.

„Und sicher auch jede Menge Kohle!“ warf Boris ein.

„Du sagst es, aber vielleicht sieht er dieses Geld auch als einen gerechtfertigten Obolus für all den Ärger, den ihm Elsbeth bereitet und all die körperlichen Verletzungen, die sie ihm zugefügt hat“, sagte Wladimir und fixierte ihn plötzlich ungewöhnlich lange mit hochgezogenen Brauen. Boris fühlte ein jähes Unbehagen.

„Komm, mein Freundchen“, sagte Wladimir und gab ihm einen heftigen Schlag auf die Schulter, dass Boris Aufstöhnte und beinahe wegknickte: „Wir gehen jetzt direkt zu Hugo in die Klinik und tauschen die CD gegen Elsbeth“.

„Wenn sie denn dort ist?“

„Das müssen wir riskieren. Oder hast du eine bessere Idee?“

„Ich würde auf eine Nachricht von Celine warten“!

„Das kann zu spät sein …Los komm“!

„Und was wird aus Celine?“

„Abwarten!“

Auch diese Antwort kam Boris um eine Spur zu sorglos und schnell: Total verunsichert wusste er auf einmal nicht mehr, ob Wladimir ihn nicht längst durchschaut hatte; aber der zog ihn unbekümmert in Richtung Ausgang zu Hugos Klinik…

 

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