„Die drei Quellen des Leidens“ – nach Freud

Zurzeit gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Das sind Fragen wie
Was wäre, wenn Biontech ein neues Wirecard wäre? oder „Warum versagen die Administrationen nicht nur in Europa und Deutschland angesichts COVID so total?“. „Warum gibt es keine vernünftige Bürger-ID im eGovernment? oder „Wieso haben wir bei der Weiterentwicklung der Demokratie so versagt, dass wir in dem Sumpf einer Oligarchie von Parteien und Lobbyismus gelandet sind? Und die Politik eigentlich überall von unfähigen Populisten bestimmt wird? Kann es sein, dass die Welt bei einer relativ harmlosen Bedrohung vor Angst Dinge macht, die man sich selbst angesichts der globalen Katastrophe der Zerstörung unseres Planeten nicht getraut hat? Warum, warum, warum?
Dazu könnte man wunderbare Artikel schreiben. Das alles aber ist so traurig, dass ich dazu
keine Lust habe. Außerdem komme ich da auf Fakten, Schlüsse und Ergebnisse, bei denen ich die große Sorge habe, dass unsere sensible Gesellschaft dies mißverstehen wird und nicht aushalten kann.
Und ich so einen Schaden verursache, der auch mich selber trifft. Also begebe ich mich lieber auf das stabile Eis der Philosophie und stelle eine Theorie des großen Meisters Freud vor, die mich überzeugt hat.


Sigmund Freud: Die drei Quellen des Leides.

Zitat aus – Das Unbehagen in der Kultur (1929) – von Sigmund Freud

Vorab eine Anmerkung zum Begriff Kultur:
Ich verstehe Kultur als das Gegenteil von Natur. Also das, was der Mensch im Zeitalter des Antropozän der Natur hinzugefügt hat. Ich erkläre das gerne am Beispiel des Kulturrauschens und des Naturrauschens.

Kulturrauschen

Schlafe ich zu Hause, dann rauscht es in meinem Ohr. Die Ursache ist der Lärm der Stadt, die rollenden Züge von der Bahnlinie und die rasenden Autos auf der 1,5 km entfernten Autobahn. Das hält mich des Nachts oft wach!

Naturrauschen

Schlafe ich im Zelt ganz nahe (wenige Meter entfernt vom Wasser) am Strand des griechischen Ägäischen Meeres, dann umgarnt mich das Rauschen des Meeres und des Windes in den Eukalypten, die unserem Zelt Schatten spenden. Dieses Rauschen lässt mich besonders gut schlafen, bis mich dann am frühen Morgen das „Kulturrauschen“ der ausfahrenden Fischerboote weckt.

Jetzt endlich zum Zitat vom Meister Freud :


… die drei Quellen, aus denen unser Leiden kommt, sind

  • die Übermacht der Natur,
  • die Hinfälligkeit unseres eigenen Körpers
    und
  • die Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen der Menschen zueinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln.

Ich versuche, diese drei Quellen des Leids zu besprechen

Die Übermacht der Natur

Das erscheint mir klar. Das sind nicht nur die Natur-Gewalten, die uns mit Blitz und Donner, vernichtenden Unwettern, Überschwemmungen und Erdbeben bedrohen. Es ist die Eiseskälte im Winter, die Nässe des Dauerregens, die Hitze, wenn der mächtige Geber Sonne vom Himmel brennt und die Temperaturen in den Städten auf schwindelerregende Höhen bringt. All das und viel mehr macht uns zu schaffen.

Der Schutz vor den Naturgewalten scheint uns möglich. Wir fordern ihn förmlich ein. Von einem Staat, der uns schützen soll. Wir müssen aber auch die Naturwelt meiden und uns auf ein Leben in einer Kulturwelt beschränken. D.h. z.B. nur noch das Auto benutzen und nicht mehr ins Freie gehen. Wir fahren dann von der Tiefgarage in der Arbeit zur Tiefgarage in der Firma. Weiter geht es dann am Abend in die Tiefgarage des Fitnesscenters uns in klimatisieren Räumen auszuarbeiten. Vielleicht sparen wir uns bald die Reisen von Tiefgarage zu Tiefgarage und erledigen alles vom PC aus, so wie uns aktuell die Regeln der Covid-Administration zwingen.

Der Schutz durch die Kulturwelt ist trügerisch, lückenhaft und vor allem macht er nicht so richtig Freude. So ergeben wir uns in das Unvermeidliche. Zusätzlich, durch unser Verhalten im Anthropozän, haben wir den Planeten zerstört und damit die Bedrohung durch Naturgewalten exponentiell erhöht – so daß eine totale Vernichtung menschlichen Lebens sehr gut vorstellbar ist.

Die Hinfälligkeit des eigenen Körpers

Diese erlebt ein jeder von uns. Schon als Kind geht es los. Die Verdauung macht Probleme. Spätestens mit den ersten Zähnen kommen die Schmerzen. Weiter geht es mit Erkältungen und schlimmeren Krankheiten, Verbrennungen, Beulen und Wunden.

Dagegen hilft die Kultur der Medizin. Aber auch nicht immer so richtig. Spätestens, wie man mir mit Neun die Mandeln entfernt hat, habe ich gemerkt, dass diese auch nicht immer funktioniert. Spektrum und Menge der Schäden mehren sich, wie man älter wird. Und wenn man dann kurz vor dem Greisenalter steht, macht einen der eigene Körper schon deutlich auf die biologische Hinfälligkeit aufmerksam.

Und an der Endlichkeit unseres Organismus gibt es keinen Zweifel. Und trotz aller oft sensationeller Fortschritte in der Kultur der Medizin ist die Aussicht auf nicht endendes Leben eine Illusion, und wahrscheinlich eine nicht mal schöne.

Auch hier fügen wir uns in das Unvermeidliche und lernen, dass das Leben aus Entstehen und Sterben besteht. Man wird ins Leben geboren. Und das Leben muss ein Ende haben, weil unser Platz von den Nachkommen benötigt wird. So wie Herbert Rosendorfer mal geschrieben hat:
Der Sinn des Lebens ist der Tod!

Die Unzulänglichkeit unserer Sozialität

Ich wähle die kurze Überschrift als Zusammenfassung der Freud’schen Definition für die dritte Quelle des Leidens:
die Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen der Menschen zueinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln„.

Wer hat nicht unter „ungerechter“ Behandlung oder Enttäuschung gelitten? Verursacht durch Eltern und Lehrer, dem Partner, eines Polizisten oder einer Behörde? Wer hat nicht im Dialog mit anderen Menschen Respekt und Wertschätzung vermisst. Oder sich von der Administration missachtet und in seinen Rechten beschädigt gefühlt. Oder im großen Ausmaß durch das Erleben eines Krieges.

Dabei spielt es keine Rolle, ob das Leid als objektiver Tatbestand berechtigt oder nur eine subjektive Wahrnehmung ist. Weh tut es in jedem Fall.

Laut Freud ist man geneigt, das soziale Leid als „unnatürlich“ und vom Menschen geschaffen zu bewerten. Aber Freud stellt die Frage:
Ist der Mensch nicht ein Teil der Natur?
Dann wäre doch die dritte Säule des Leids auch „natürlichen“ Ursprungs!

Diese These Freuds leuchtet mir ein. Denn der Sitz unserer Rationalität und unserer Gefühle, unserer Emotionen, unserer Träume und auch unser Unvernunft ist nach heutiger Erkenntnis ziemlich zweifelsfrei, das Gehirn. Dort residiert unsere „geistige Kraft“. Auch unsere Seele (wenn es eine solche den überhaupt gibt) wie unsere Fähigkeit frei zu entscheiden und Verantwortung übernehmen zu können (an allem zweifele ich stark) liegen im Gehirn. Und das Gehirn ist ein Teil unseres Kopfes. Und der Kopf und damit auch das Gehirn sind Teil unseres Körpers.

Über dessen Unzulänglichkeit haben wir schon gesprochen. Und wir müssen uns leider von der Vorstellung verabschieden, dass der Mensch ein gottähnliches Überwesen ist.

Sorry, das bedeutet, dass wir auch „nur“ ein Teil des Lebens sind. Das nur streiche ich, weil es wunderbar ist, ein Teil des Lebens zu sein.

So sind wir für sympathische Tiere, die nur einen Fehler haben. Sie fühlen sich berufen, die Welt zu beherrschen. Dies und der Wille, den Planeten uns untertan zu machen, hat den Planeten ruiniert.

Die Kultur hat die Natur zerstört!

RMD

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